Schmecket und sehet, wie freundlich Gott ist

Gottesdienst am Sonntag, 02.10.2016 – Erntedankfest

Thema: Schmecket und sehet, wie freundlich Gott ist

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Psalm 34

 

Liebe Gemeinde,

wie immer sitzt Oma Piepenbrink am Sonntagmorgen in der Kirche. Oma singt von Herzen mit. Und dann hängt sie förmlich an den Lippen des jungen Pastors. Mitten in der Predigt ist sie so gerührt, dass sie ein Taschentuch aus ihrer Handtasche zieht, um die Tränen abzuwischen. Dabei  fällt ein Gebiss auf den Fußboden. Sie merkt das gar nicht. Ein Konfirmand neben ihr flüstert Oma ins Ohr: “Oma, Ihr Gebiss liegt auf dem Fußboden!” Oma flüstert zurück: “Ach Junge, das sind doch Opas Zähne, die nehme ich immer mit, wenn ich  zur Kirche gehe, — sonst bleibt doch vom Sonntagsbraten nichts übrig!”

Tja, der Sonntagsbraten schmeckt! Mir auch! Ich könnte mir vorstellen, bei uns wird es vielleicht später ähnlich sein. Na ja, vielleicht doch nicht. Wir werden sicher auch später beide sonntags in die Kirche gehen… Denn: Mir schmeckt nicht nur ein guter Braten. Mir schmeckt auch der Gottesdienst. Ein Sonntag ohne Gottesdienst ist für mich kein richtiger Sonntag. Wir hatten jetzt noch mal ein paar Tage Urlaub, und da waren wir zum ersten Mal auf der Insel Madeira. Eine wunderschöne Insel. Und dann der Sonntag – wohin zum Gottesdienst? Wir suchten eine Weile im Internet, und dann fanden wir einen kleinen englischsprachigen Gottesdienst in einer Baptistengemeinde in Funchal. Die steuerten wir an. Etwa 50 Leute versammelten sich in einem kleinen Kirchlein, das wir gar nicht gleich finden konnten. Doch als wir endlich da waren – mitten einem Lied – da fühlten wir uns gleich zu Hause! Das Lied kannten wir, konnten gleich mitsingen. Es war wie zu Hause. Dann eine ziemlich lange Predigt – wie zu Hause. Dann Kirchkaffee – wie zu Hause. Und dann trafen wir bei einer kühlen Limonade auch noch ein junges Ehepaar aus Deutschland. Woher kamen die? Aus Sachsen! Da fühlte sich Christiane erst recht wie zu  Hause… Da hat nicht nur die Limonade geschmeckt, sondern der ganze Gottesdienst. Es ist klasse: Wo du auch hinkommst auf der Welt – überall hat Gott seine Leute! Und es schmeckt so gut, in der Fremde Brüder und Schwestern zu treffen.

“Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist.” – Das ist der Leitvers für diesen Gottesdienst.

Dieser Vers ist aus einem Dankpsalm entnommen, von dem wir nun einige Verse als Predigttext zum Erntedank lesen wollen, nein, im Grunde beten wollen. EG 718: Wir beten diesen Psalm gemeinsam.

Ich will den Herrn loben allezeit;
sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.
Meine Seele soll sich rühmen des Herrn,
dass es die Elenden hören und sich freuen.
Preiset mit mir den Herrn
und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen!
Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir
und errettete mich aus aller meiner Furcht.
Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude,
und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.
Als einer im Elend rief, hörte der Herr
und half ihm aus allen seinen Nöten.
Der Engel des Herrn lagert sich um die her,
die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.
Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.
Wohl dem, der auf ihn trauet!
Fürchtet den Herrn, ihr seine Heiligen!
Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.
Reiche müssen darben und hungern;
aber die den Herrn suchen, haben keinen Mangel an irgendeinem Gut.
Wenn die Gerechten schreien, so hört der Herr
und errettet sie aus all ihrer Not.
Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind,
und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.
Der Gerechte muss viel erleiden,
aber aus alledem hilft ihm der Herr.
Der Herr erlöst das Leben seiner Knechte,
und alle, die auf ihn trauen, werden frei von Schuld.

Aus diesem Psalm also stammt unser Motto: Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist! Wir wollen uns heute mal auf das erste konzentrieren, auf das Schmecken. Darum heißt es heute:

 

Mund auf!

Wenn etwas gut schmeckt, muss man normalerweise gar nicht sagen: Mund auf! Da geht es ganz von selbst. Manche kleine Kinder wissen allerdings noch gar nicht so recht, was gut schmeckt – zumindest was die Eltern für gut schmeckend halten. Ich erinnere mich an unsern kleinen Manuel, als er noch gefüttert wurde, da wollte er einfach nicht kapieren, wie lecker Möhrenbrei ist. Das kleine Mündchen blieb konsequent zu. Wenn man sagte: Mund auf! Mach mal “Aaaah”! Keine Chance. Und dann schiebst du ihm den Löffel liebevoll mit sanftem Druck durch die geschlossenen Lippen – und was passiert? Mit einem herzhaften “Brrrrblblblblblbl” sprutzelt der ganze Brei in hohem Bogen in dein Gesicht… Gottes Wort sagt uns heute: Mund auf! Schmeck doch, wie freundlich es Gott mit dir meint! Sieh auf die vielen leckeren Früchte der Erde, mach den Mund auf und beiß rein! In der Bibel spielt das Essen eine ungeahnt große Rolle.

Kennen Sie das 1. Gebot? Ich meine jetzt nicht das 1. Gebot von den 10 Geboten, sondern das 1. Gebot, das Gott dem Menschen überhaupt gegeben hat. Das ist eine dolle Sache: Das 1. Gebot heißt nämlich: Du sollst essen! 1. Mose 2,7: Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: „Du sollst essen von allen Bäumen im Garten, aber vom Baum der Erkenntnis sollst du nicht essen usw.“ Aber interessant: Als erstes heißt es: “Du sollst essen!” Überhaupt der allererste Satz Gottes, den er zu Adam spricht, der überliefert ist: Du sollst essen. Das heißt doch auch für uns: Genieße die guten Gaben Gottes, die Gott dir gibt. Greif zu! Schmecke, wie freundlich der Herr ist!

Offensichtlich gehört das Essen so elementar zum Menschsein dazu! Und zwar nicht nur zu unserm Leib, sondern auch zu unserer Seele. Auch zum Glauben. Das hebräische Wort für Seele „Nefesch“ heißt in seiner ursprünglichsten Bedeutung “Kehle”. Was durch unsere Kehle geht: der Atem – die Nahrung –  das braucht auch unsere Seele! Als der große Prophet Elia ein Burnout hat, einfach nicht mehr kann, nicht mehr will, nach heutiger Betrachtung suizidgefährdet, da marschiert er in die Wüste, legt sich unter einen Busch und will nur noch sterben und schläft ein. Und dann kommt Gottes Fürsorge ins Spiel, eine liebevolle Seelsorge, die zugleich Leibsorge ist. Ein Bote Gottes rührt ihn an und sagt: Hier, nimm und iss! Und er hat einen Krug erfrischendes Wasser und leckeres, frisch geröstetes Brot mitgebracht.

Schmecket, wie freundlich der Herr ist!

Wenn es im Vaterunser heißt: “Unser tägliches Brot gibt uns heute”, dann heißt das doch: Es geht ja gar nicht ohne! Gott hat uns so geschaffen, dass Essen und Schmecken zum Menschsein gehört. Und weil das so ist, ist uns das Essen oft so selbstverständlich geworden, dass wir darüber die Dankbarkeit vergessen. Obwohl uns Gott – gerade hier im satten Deutschland ja noch viel mehr als “nur” das täglich Brot beschert. Vom früheren Bischof Lilje wird berichtet, wie er bei einem wahrhaft opulenten Abendessen mit den feinsten und leckersten Köstlichkeiten sagte: „Verehrte Gäste, heute bin ich geneigt, statt ‚unser tägliches Brot gib uns heute’ zu beten: ‚unser heutiges Brot gib uns täglich.’“

Erntedank erinnert uns daran, dankbar zu sein, sowohl für das alltägliche Brot, dass wir genug zu essen haben, als auch für die Festmahle, für das Feiern, für das Besondere, für das Genießen. Und dabei wollen wir diejenigen nicht vergessen, die weder das eine noch das andere haben: die Hungernden. Dass wir bereit sind zu teilen und abzugeben von unserm Überfluss. Wenn wir die Essensgeschichten der Bibel anschauen, so sind es fast immer Geschichten der Gemeinschaft, des Miteinanders. Denken wir an die Essensgeschichten Jesu! Er wurde von seinen Gegnern sogar als “Fresser und Weinsäufer” tituliert (vgl. Matthäus 11,19). Denn er war oft beim Essen, um darin Gemeinschaft zu pflegen. Mit seinen Jüngern, aber auch mit Zöllnern und Sündern, aber auch mit Pharisäern, mit jedem, der ihn bei sich aufnahm.

In der ganzen Bibel wird die Gemeinschaft mit Gott meist mit dem Essen in Verbindung gebracht. Und sogar der Himmel wird als ein großes Festmahl beschrieben. Ein Hochzeitsmahl, ein wunderbares Gastmahl, zu dem jeder eingeladen ist, und wir einfach nur diese Einladung annehmen brauchen! Und zeichenhaft wird dieses Festmahl vorweggenommen bei jedem Abendmahl! Auch da heißt es: “Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist.” In Brot und Wein will uns Christus begegnen. So passt es gut, dass hier unten auch eine Molle ist, in die die berühmte Abendmahlsszene von Leonardo da Vinci hineingebrannt wurde. Ja, jedes Abendmahl weist hin auf das Festmahl im Himmel: Dass Gott selbst und dass Jesus Christus mit uns Tischgemeinschaft haben will, mit uns speisen will.

Ja, noch viel mehr, dass Jesus uns sich selbst zur Speise gibt.

Jesus sagt: “Ich bin das Brot des Lebens” und dann wird er noch deutlicher, und es klingt sehr befremdlich, wenn er in Johannes 6 sagt: “Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.” – Im Griechischen steht d übrigens nicht nur das Wort “essen”, sondern noch viel plastischer: “zerkauen”. Das klingt ja wie Kannibalismus. Und viele seiner Hörer wandten sich von da an ab von Jesus. Weil sie nicht verstanden haben, was Jesus damit gemeint hat.

Es ging ihm bei diesem Bildwort um ein tieferes Verständnis von Essen: Beim Essen wird die Nahrung in uns aufgenommen und Teil von uns selbst! Sie verbindet sich mit uns, indem der Körper aus der Nahrung die Nährstoffe in sich aufnimmt und insofern eins wird mit der Nahrung! Und ohne Nahrung würden wir sterben. Und das ist Jesu Botschaft: Wir sollen mit ihm eins werden. So eng mit ihm verbunden sein, ihn in unser Leben aufnehmen, und zwar nicht nur einmal, sondern täglich neu – unser täglich Brot gib uns heute!  – ihn “kauen”, das heißt: dass wir bewusst uns Zeit für Jesus nehmen, ihn nicht runterschlingen, schnell, schnell beim Frühstück die Losung, Glauben nur mal so im Vorbeigehen, mal so ein Stoßseufzer zu Gott hin – was immer noch besser ist als nichts! -, aber Glauben als Fast Food? Nein, sondern Zeit mit Jesus verbringen. Im Gebet, im Studium der Bibel, im Tun der Liebe. Wir sollen Jesus schmecken!

Schmecken. – Nun gibt es ja interessanterweise nach aktuellem Forschungsstand fünf unterschiedliche Grundrichtungen des Geschmacks. Evtl. eine sechste noch, aber das ist umstritten. Welches sind die 5?

Süß, sauer, salzig, bitter, umami (das ist so was wie: fleischig, herzhaft, kraftvoll) – Wenn wir Jesus schmecken wollen, wenn wir Gottes Wirken, Gottes Freundlichkeit schmecken wollen, “Schmeckt, wie freundlich der Herr ist!”, dann kann uns das in der Tat auf ganz unterschiedliche Weise in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen passieren:

Das Süße ist uns sicher am liebsten! Wenn der Glaube süß schmeckt, das will ich mal so deuten: Wenn alles glatt läuft, wenn Gebete erhört werden, wenn ein Gottesdienst nach unserm Geschmack ist, die Musik uns schmeckt, wir erbaut und ermutigt werden, wenn wir Urlaub haben, oder in Beruf und Familie alles gut schmeckt. Aber nur süß? Das würde auch langweilig werden. Wir würden vielleicht abstumpfen, vielleicht sogar krank. Dann gibt es noch:

Salzig. Salz gibt den Speisen Würze, aber vor allem – in alter Zeit – war Salz wichtig, um die Speisen vor dem Verderben und Faulen zu bewahren, sie haltbar zu machen. Der salzige Geschmack bedeutete dann: es ist nicht verdorben. Und so will ich das Salzige mal so sehen:  Es ist die Geschmacksseite des Glaubens, die gegen das Faule und Schädliche in uns wirkt, gegen die Sünde, gegen Eigensinn und Selbstsucht, Hochmut und Neid. Gegen das, was uns verderben will. Wie gut, dass wir auch da Jesus schmecken können, seine Vergebung, seine Hilfe.

Dann gibt es noch “sauer“: Wir denken an saure Zitronen zum Beispiel. Und wir wissen, wie gesund gerade da die Vitamine sind. Ja auch bei Jesus gibt es manchmal Saures:  Herausforderungen des Alltags, Krisen, Probleme – im Beruf oder in der Familie. Doch genau da können wir oft besonders intensive Glaubenserfahrungen machen. In den Schwierigkeiten wird unser Glaube reifer. Wird wachsen.  Ich habe in meinem Leben erlebt, dass ich dann, wenn es mir nicht gut ging, ich in Problemen und Herausforderungen stand, dass ich dann oft die intensivste Zeit mit Jesus erfahren habe. Im Sauren ist oft das Vitamin C. Vitamin Christus.

Und da ist dann auch noch “bitter“: Auch das gehört zu unserm Geschmacksempfinden. Und auch das gehört oft  zum Leben. Es steht für das Leid. Kann man da noch sagen: “Schmeckt, wie freundlich der Herr ist”? Nun, in schweren Leidsituationen wohl eher nicht. Und doch: Gerade im Leid ist es gut zu wissen: Gott, du bist jetzt da! Und darauf zu vertrauen, was Paulus sagt: “Wir wissen, dass denen die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen…” Bonhoeffer dichtet in seinem Lied “Von guten Mächten wunderbar geboren”: “Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leid gefüllt bis an den höchsten Rand…” Wie passt das zu diesem fröhlichen “Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist”? Hat David, der den Psalm geschrieben hat, keine Ahnung davon, wie bitter das Leben manchmal schmeckt? Doch sehr wohl! Gerade als er den Psalm schreibt, war er im Feindesland, bei den Philistern, gejagt, gehetzt, verfolgt von den eigenen Leuten. Und deswegen heißt es nur ein paar Verse nach unserm Vers – im selben Psalm:

Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind,
und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.
Der Gerechte muss viel erleiden,
aber aus alledem hilft ihm der Herr.

Also: Auch wenn das Leben bitter schmeckt, kannst du darin Gott schmecken, seine Hilfe, seinen Trost, seine Freundlichkeit.

Und das Letzte: “umami“. Bis ich das vor kurzem mal in einer Quizsendung gehört hab, wusste ich gar nicht, dass es das gibt. Aber mir gefällt das: Es ist der fleischige, kraftvolle, herzhafte Geschmack, der mir besonders gut schmeckt. Der Geschmack eines leckeren Bratens. Und dieser Geschmack steht für die Kraft, die Gott uns schenkt. Kraft auch für den Alltag. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Was für eine Ermutigung!

So gibt es so viel zu schmecken, wie freundlich der Herr ist!  Da heißt es: Mund auf!

Und wenn man den ganzen Psalm liest, dann merkt man: David meint nicht nur: Mund auf zum Essen und Schmecken, sondern auch Mund auf – um Gott zu loben. So geht der Psalm los:

2 Ich will den HERRN loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.

Das kann heute Erntedank sein: Neu die Freundlichkeit Gottes schmecken in allen Geschmacksrichtungen, und dann auch Gott loben und ihm danken.

Amen.

 

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