Schein oder Sein?

Gottesdienst am Sonntag, 19.03.2017

Thema: Schein oder Sein?

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Markus 12,41-44

 

Liebe Gemeinde,

hier  habe ich mal eine uralte Opferbüchse mitgebracht! Die hat schon Museumscharakter! Es zeigt sich, dass das Sammeln von Spenden und Kollekten schon immer zur Kirche dazu gehörte. Ein Pastor fragt seinen jungen Vikar: “Na, worüber gedenken Sie morgen die Predigt zu halten?” Der Vikar: “Über die Tugend der Sparsamkeit.” – “Sehr löblich,” meint der Pastor. “Aber dann sammeln wir die Schlusskollekte doch besser schon vor der Predigt ein.” Manche Pastoren sind wahre Meister im Ansagen von Kollekten. Ich erinnere mich an den alten Pastor Heinrich Kemner, den Gründer von Krelingen. Der sagte mal: “Und vergesst bei der Kollekte nicht: Christen sollen leuchten in der Welt und dabei Schein-Werfer sein”.

Und nun stellen Sie sich mal vor: Ich wäre eben beim Klingelbeutel mit rumgegangen, so durch die Reihen, und hätte genau zugeguckt, was jeder so in den Beutel steckt. Frechheit! Unverschämtheit! Das geht nun wirklich zu weit! So hätten Sie wohl gesagt – oder zumindest gedacht, oder? Doch Jesus macht genau das: Er schaut den Leuten dahin, wo es am unbequemsten ist: Ins Portemonnaie. Er stellt sich an den Eingang des Tempels und beobachtet jeden einzelnen, was er so in die Kollektenbüchse wirft.

Hören wir den Predigttext aus Markus 12,41-44:

41 Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein.
42 Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das ist ein Heller (heute: zwei Cent)
43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben.
44 Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Schein oder Sein – so lautet unser Thema heute Morgen. Und in der Tat, hier geht es um so manchen Schein.

 

1) Der Geldschein

Die Kirche und das liebe Geld… Manchmal hört man ja den Vorwurf: Der Kirche geht es nur ums Geld! Und – keine Frage – wenn wir in die Geschichte der Kirche schauen, gab es – und gibt es! – da tatsächlich viel Missbrauch, viel Gier und viel fragwürdigen Reichtum, Prunk und Pracht in der Kirche. Und das muss auch deutlich beim Namen genannt und verurteilt werden. Doch auf der anderen Seite: Ohne Geld geht es nicht. Denn: Durch die ganze Bibel zieht sich der Gedanke, dass derjenige, der etwas hat, Besitz, Geld und Gut, Zeit und Kraft, davon etwas abgibt für den, der nichts hat. Warum eigentlich? Dahinter steckt eine doppelte Perspektive: Dankbarkeit und Hingabe gegenüber Gott, von dem wir eh alles haben, was wir haben. Und Liebe und Barmherzigkeit zum Nächsten, der weniger hat, als wir.

Und so gehört zum Glaube schon immer das Opfer. In alter Zeit oftmals mit Tieropfern verbunden, aber dann eben auch ganz schlicht das Opfer von materiellem Reichtum. Also: der Geldschein.

So gab es schon seit etwa 800 v. Chr. beim Tempel in Jerusalem den Opferkasten. Zur Zeit Jesu befanden sich 13 trompetenförmige Opferkästen im Tempel. Und ein Priester überprüfte zuvor die Gaben. Bei außergewöhnlich hohen Beträgen erscholl ein lauter Posaunenklang und die Summe wurde laut genannt. Da hat man das Gute, was man tat, laut ausposaunt!

Für einen gläubigen Juden war es selbstverständlich, dem biblischen Gebot zu folgen, den “Zehnten” zu geben. Ein Zehntel des Einkommens oder des Ertrags, den man erwirtschaftet. Immer im Bewusstsein: Alles, was ich habe und bin, ist ein Geschenk Gottes. Und bis heute ist es auch bei vielen Christen üblich, den Zehnten zu spenden. Die meisten Gemeinden in der Welt kennen kein Kirchensteuersystem. Die leben vom “Zehnten”. Viele Missionswerke könnten gar nicht anders existieren, als wenn nicht viele Christen ihren Zehnten geben. Für die Arbeit im Reich Gottes. Für die Gemeinde. Für Menschen in Not.

Zwei Schiffbrüchige retten sich auf eine einsame Insel. Der eine fängt sofort an zu jammern: “Wir werden sterben! Wir werden sterben! Hier gibt’s keine Nahrung, wir werden sterben!” Der andere lehnt sich an eine Palme und ist die Ruhe selbst, was den andern schier verrückt macht. “Verstehen Sie nicht? Wir werden sterben!” Der andere antwortet in aller Seelenruhe: “Sie wissen wohl nicht, dass ich 100.000 $ pro Woche verdiene!” Sein Kamerad sieht ihn verdattert an und fragt: “Was nützt uns das? Wir sind auf einer einsamen Insel! Wir werden sterben!” Der andere antwortete: “Sie begreifen immer noch nicht: Ich verdiene 100.000 $ pro Woche und gebe meiner Gemeinde immer den Zehnten. Mein Pastor wird mich finden!”

Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein.

Das ist eigentlich eine gute Nachricht! Ein hohes Spendenaufkommen. Und es ist schon schön zu sehen, dass eben auch viele Reiche zum Tempel kommen. Das zeigt, dass sie auch die Beziehung zu Gott suchen, dass sie auch ahnen, dass sie ihren Reichtum nicht nur sich selbst zu verdanken haben. Und dass sie viel einlegen, ist Ausdruck großer Dankbarkeit. Jesus kritisiert das nicht. Die Bibel hat nichts gegen Reiche und Reichtum. Die Frage ist nur: Wie geht man mit seinem Reichtum um?

Wenn man zum Glauben findet, also sich “bekehrt” – wie man so sagt-, ist es wichtig, dass man sich als ganzer Mensch bekehrt. Wissen Sie, welcher Körperteil sich am schwersten bekehrt? Das Portemonnaie!

Doch es geht in dieser Geschichte nicht nur um den Geldschein. Noch nicht mal in erster Linie. Es gibt noch manch andern Schein.

 

2) Der Heiligenschein oder: Scheinheilige

Es gibt Leute, die nach außen so fromm und heilig wirken, dass die kaum aufrecht durch eine Tür gehen können, ohne dass ihr Heiligenschein hängen bleibt! Menschen, denen es bei ihrem Glauben vor allem darauf ankommt, dass sie von andern Bewunderung und Anerkennung bekommen. Was denken die andern über mich? Leider ist es manchmal so, dass es im Herzen ganz anders aussieht. Menschen, die schnell dabei sind, andere zu verurteilen, aber bei ihnen selber, im eigenen Herzen sieht es nicht besser aus. Es gibt einen frommen Egoismus, wo man sich nur um seinen eigenen Glauben dreht und mit der eigenen Frömmigkeit sich den Himmel zu verdienen sucht. Und da wird aus manchem Heiligenschein schnell ein Scheinheiliger. Es ist sehr interessant, an welcher Stelle diese Geschichte im Markusevangelium steht. Direkt vorher ist nämlich von den Schriftgelehrten die Rede, die Theologen der damaligen Zeit. Da sagt Jesus: “Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die es lieben, in langen Gewänder einherzugehen, und lassen sich gern grüßen auf dem Markt und sitzen gern obenan in den Synagogen (…) und verrichten zum Schein lange Gebete.”  (Markus 12,38-40) Zum Schein! Das heißt: Nur äußerlich! Der Glaube ist nur äußerlich angekommen. Er hat das Herz nicht erreicht. Das Herz ist nicht dabei. Das, liebe Gemeinde, ist eine Frage an uns alle. Wie echt ist unser Glaube? Ist es einfach nur so, weil es halt irgendwie dazu gehört, weil wir es als Kind so gelernt haben – “Ich bin christlich erzogen”, und da geht man halt ab und zu mal in die Kirche, weil es einen guten Eindruck macht… Oder ist es wirklich echt? Aus dem Herzen heraus, weil ich weiß: Ich brauche Gott, ich brauche Jesus. Ich schaff es nicht allein.

Direkt nach unserer Geschichte geht es gleich weiter mit dem schönen Schein. Da heißt es: “Und als einige von dem Tempel sagten, dass er mit schönen Steinen und Kostbarkeiten geschmückt sei, sprach Jesus: Es wird die Zeit kommen, in der von allem, was ihr seht, nicht ein Stein auf dem andern gelassen wird, der nicht zerbrochen werde.” (Markus 13,1, hier zitiert nach Lukas 21,5).

Der ganze Jerusalemer Tempel ist ein Beispiel für Menschen, die mehr Wert auf den äußeren Schein legen als auf ihr inneres Sein! Wie prächtig ist der Tempel von außen anzusehen! Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtet, dass man, wenn man in der Morgensonne vom Ölberg auf den Tempel schaute, sich die Augen zuhalten musste, weil all das Gold im Sonnenlicht so hell glänzte, dass man ganz geblendet war. Ein glänzender Schein! Aber das war äußerer Schein! Denn im Innern sah es ganz anders aus: Der Glaube war zur bloßen Tradition verkommen, zur leblosen Routine, ohne echte Lebendigkeit. Und so waren viele von ihrem eigenen äußeren Frömmigkeitsschein so geblendet, dass sie blind waren für Jesus, der die Menschen aufrief: Kehrt um und glaubt an das Evangelium!

 

3) Schein oder Sein?

Bei Gott zählt also nicht der äußere Schein, sondern das wahre Sein. Und dafür ist diese arme Witwe ein Vorbild, ein Beispiel. Diese Witwe, die Jesus nun in den Fokus nimmt. Sie legt zwei Scherflein in die Kollekte. Ein Scherflein, ein Lepton, war die allerkleinste Münze, die in Israel im Umlauf war. Man brauchte zwei davon, um sie in einen Quadrans einzutauschen, und das war die kleinste römische Münze! Also, wir können uns gut 2 Cent-Stücke vorstellen! Das ist doch nichts! Was wird der Priester gesagt haben, als er die Gabe prüfte? Vielleicht hat er gesagt: “Och, Alte, das ist so wenig, dass kannste dir schenken.” – “Aber, ich will es Gott schenken!” sagt sie. Nach menschlichen Maßstäben völlig wertlos! Und so urteilen wir Menschen eben oft, nicht nur beim Geld. Sondern auch sonst: Wir urteilen nach dem, was einer leisten kann, was einer zu bieten hat. Und wenn einer alt ist oder dement oder schwach oder behindert, dann stört er die Gesellschaft! Dann kostet er ja nur. Und so fängt man an auszusortieren. Ungeborene Kinder, bei denen Down-Syndrom festgestellt wird, werden in 9 von 10 Fällen abgetrieben, weggemacht, getötet. Und man fragt immer mehr: Was bringt’s ? Leistungsdenken bestimmt unsere Zeit. Bei Gott gelten andere Maßstäbe! Einer der schönsten Verse in der Bibel ist 1. Samuel 16,7: “Ein Mensch sieht was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an!”  Gott schaut nicht auf den äußeren Schein, von dem wir Menschen uns oft blenden lassen. Er sieht den Wert eines Menschen, auch wenn er für andere keinen Wert mehr hat. Er sieht den Wert, der im Verborgenen liegt. Gott sieht den Wert eines Menschen, der darin liegt, dass er ein geliebter Mensch Gottes ist. Er sieht auch das Scherflein der Witwe. Er sieht auch unser Scherflein. Auch das Scherflein unseres Glaubens, das uns vielleicht manchmal so klein vorkommt. Bei Gott hat es seinen Wert! Ihm kommt es aufs Herz an. Sind wir mit ganzem Herzen bei der Sache? Gott sieht auch ins Herz der Witwe. Dieses Spenden von den zwei Scherflein ist eigentlich ein Bild für den Glauben der Witwe. Sie gibt alles, was sie hat. Nicht nur ein bisschen. Es ist ja schon auffällig, dass es heißt: Sie gibt 2 Scherflein! Warum behält sie eigentlich nicht noch einen für sich? Wär doch okay. Einen letzten Notgroschen, eine letzte Sicherheit. – Nein, sie gibt alles, weil sie vertraut, dass Gott ihr auch weiter hilft. Sie gibt alles für Gott, weil sie weiß, dass Gott auch alles gibt. Sie gibt ihren Lebensunterhalt, ja, im Grunde ihr Leben. Und Gott gibt auch sein Leben. So macht er es ja in Jesus, Gottes Sohn, er gibt auch nicht nur ein bisschen, ein bisschen Hilfe für die Alltagssorgen, sondern er gibt viel mehr. Er gibt alles: sich selbst, sein Leben! Als er am Kreuz für uns stirbt. Daran denken wir ja jetzt in der Passionszeit. Er gibt alles für uns: sein Leben. Und noch viel mehr damit: Vergebung unserer Sünden und das Ewige Leben. Und deshalb gibt es beim Glauben keine halben Sachen. Wir können Gott, Jesus nur ganz gehören – oder gar nicht.

Es gibt so einen alten Spruch, der hat mich schon als Jugendlichen sehr angesprochen: “Sei ganz sein – oder lass es ganz sein!”, also: Gehöre ihm – Jesus – ganz, sei ganz sein, oder eben lass es ganz sein. Jemand hat mal gesagt: Ein halber Christ ist ein ganzer Unsinn. Etwas drastischer noch: Ein halber Christ ist ein ganzer Mist!

Ich wurde erinnert an den Vortrag von Daniel Böcking, der vor kurzem in der Gemeinde war, der stellvertretende Chefredakteur von Bild.de, und dem bewusst wurde: So ein Allerweltsglaube, den er früher hatte –  das kann’s irgendwie nicht sein. Er merkte: Es geht um’s Ganze. Ich brauche wirklich eine feste, persönliche Beziehung zu diesem Jesus, die mein ganzes Leben umkrempelt. Und sein Buchtitel heißt dementsprechend: “Ein bisschen Glauben gibt es nicht!” Da ist er in guter Gesellschaft mit dieser alten, armen Witwe, die auch auf’s Ganze geht.

Und so zum Schluss noch ein Blick auf die Witwe.

Sie hatte auch einen Schein. Sie hatte keinen Geldschein, sie hatte keinen Heiligenschein, aber etwas anderes:

 

4) Der Lichtschein der Hoffnung

Sie strahlt ein Licht der Hoffnung aus. Sie hatte eine große Hoffnung. Ohne diese Hoffnung hätte sie komplett drauf verzichten könne, ihre zwei Scherflein zu geben. Denn was kann man damit schon erreichen? Doch nichts! Ohne diese Hoffnung hätte sie denken können: Es bringt doch eh nichts, was ich bieten kann, was ich beitragen kann. Es ist alles umsonst. Vergeblich. Aber: So denkt sie nicht. Weil sie weiß: Gott kann aus ganz Wenigem ganz viel machen! So ist es doch immer wieder: Denken wir doch an die Speisung der 5000. Da war ein kleiner Junge, der nichts hatte, außer gerade mal fünf Semmeln und zwei Fischen! Und er gibt das Wenige, das er hat, ganz an Jesus. Und Jesus kann so viel damit anfangen!  Jesus nutzt dieses Wenige, um Viele satt zu machen. Er benutzt das Kleine, um Großes zu bewirken!

Denken wir doch bitte nicht: Was kann ich schon erreichen! Mit meinen zwei Scherflein, die ich vielleicht an Zeit noch übrig hätte in meinem gestressten Alltag, mit meinen zwei Scherflein, die ich an Kraft noch hab, mit meinen zwei Scherflein an Geld, die von meiner kleinen Rente noch übrig bleiben, mit meinen zwei Scherflein an Liebe, die sich irgendwo im Herzen noch finden. Ach, das bringt doch alles nichts! Was kann ich damit schon erreichen in dieser Welt, wo so viel Hunger ist. Hunger nach Brot – wie jetzt in Ostafrika. Hunger nach Liebe – auch hier in unserm Land. Hunger nach Gott bei Menschen, die sich nach einem Sinn für ihr Leben sehnen. Was bringt es schon, wenn ich meine zwei Scherflein beitrage!

Genauso hat die Witwe nicht gedacht! Sie hat einfach das Wenige, das sie hatte, in Gottes Hand gelegt. Und gedacht: Gott, es ist für andere nichts, für mich ist es alles, und für dich ist es gerade so viel, dass du etwas daraus machen kannst! Das ist meine Hoffnung!

Und was sagt Jesus dazu? Er sagt: Sie hat mehr gegeben als alle andern. Heißt nicht, dass die andern nichts gegeben haben. “Viele Reiche legten viel ein.” – Ja, das war auch gut, das war super. Gut gemacht! Aber sie, die arme Witwe, hat mehr gegeben in Gottes Augen. Weil sie alles, was sie hatte, in Gottes Dienst gestellt hat in der Hoffnung, dass Gott etwas daraus macht.

Wie hatte es Kemner gesagt: Christen sollen “Scheinwerfer” sein! Das war sie. Nein, sie hat keine Geldscheine in die Kollekte geworfen. Aber sie wirft einen Lichtschein der Hoffnung in unsere Welt.

Amen.

 

 

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