O du fröhliche!

Gottesdienst an Heiligabend, Samstag, 24.12.2016 (Christversper 2)

Thema: O du fröhliche!

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Lukas 2,1-20 und Lied: O du fröhliche!

Liebe Gemeinde,

O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Osterzeit!

Nanu?! Was ist denn jetzt los? Hat der Pastor zu viel Glühwein getrunken? Wieso Osterzeit? Nein, nein, keine Sorge. Es handelt sich lediglich um die ursprüngliche 2. Strophe dieses bekannten Weihnachtsliedes von Johannes Falk. Und in der 3. Strophe war Pfingsten angesagt.

Weihnachten, Ostern, Pfingsten – alles in einem Lied. Der Dichter Johannes Falk hatte es als “Allerdreifeiertagslied” gedichtet. Das hatte sich der Dichter gut überlegt, alle drei großen christlichen Feste in ein Lied gepackt. Dumm nur, dass man nicht so recht wusste, wann man es eigentlich singen sollte. Unter Marketingaspekten nicht sehr geglückt. So hat ein Mitarbeiter von Falk – Heinrich Holzschuher – dann auch kurzerhand die 2. und 3. Strophe des Liedes umgedichtet zu dem schönen Weihnachtslied, was seitdem einfach zu Weihnachten dazu gehört – wie Christbaum, Festessen, Geschenke und Weihnachtsgeschichte.

“O du fröhliche!” – So steht es im Gemeindebrief, so habe ich es mir schon vor Wochen als Thema für den heutigen Heiligabendgottesdienst überlegt. Doch nun? Kann man das noch so sagen: O du fröhliche Weihnachtszeit – nach dem schlimmen Anschlag von Berlin? Passt das Thema noch? Ich habe mir daraufhin das Lied noch mal genauer angeschaut und sofort gedacht: Ja! Gerade jetzt! Es passt. Denn es spielt uns keine heile Welt vor. Kein Friede, Freude, Gänsebraten… Sondern wie heißt es in der ersten Strophe: “Welt ging verloren, Christ ist geboren.” Hier ist die schonungslose, realistische Beschreibung einer Welt mit Hass und Terror: eben eine “verlorene” Welt, eine kaputte Welt.

Genau darum passt dieses Lied: Es zeigt uns, dass Gott in diese verlorene Welt kommt. Und darum können wir fröhlich sein! Trotz allem! Darum kann es heißen: Freue, freue dich, o Christenheit.

So passt dieses Lied gerade in diesem Jahr in besonderer Weise. Aber nicht nur aufgrund seines Inhalts. Es hat auch ein besonderes Jubiläum. Vor genau 200 Jahren entstand dieses Lied zum Weihnachtsfest 1816. 200 Jahre alt – und doch hat es uns auch im Jahre 2016 noch eine Menge zu erzählen. Es ist eine Weihnachtsgeschichte der besonderen Art.

Ich möchte sie verbinden mit den drei Strophen des Liedes, wie wir sie heute kennen.

 

1) Welt ging verloren, Christ ist geboren

Wenn wir in unsere Zeit schauen, dann sehen wir: Viele Menschen haben Angst, sind erschüttert. Doch in der Zeit von Johannes Falk war das nicht anders. Es war eine Zeit des Krieges. Napoleon war damals das Schreckgespenst für Europa. In der Völkerschlacht von Leipzig 1813 hausten über eine halbe Million Soldaten wie die Barbaren und hatten auch Weimar besetzt, wo Johannes Falk zuhause war. Häuser wurden angezündet, Vieh geraubt, der Hausrat geplündert. Der brutale Krieg brachte unvorstellbares Leid über die Bevölkerung und dem Krieg folgten die Krankheiten. Viele starben. Und auf einmal trifft das Leid auch in sein eigenes Leben. Zusammen mit seiner Frau Caroline hatte er sieben Kinder, die alle schwer erkrankten.

Seine eigene heile Welt, seine glückliche Familie zerbrach. Zuerst starb der einjährige Roderich an Krämpfen und Keuchhusten, dann die zwei Monate alte Cäcilie an Scharlach. Wenig später war die sechsjährige Eugenie tot, zwei Wochen darauf auch der dreijährige Guido. Innerhalb kürzester Zeit alles Glück zerstört. 4 Kinder gestorben. Schlimmer geht es nicht. Auch Johannes selbst lag wochenlang krank im Bett. Nervenfieber. Dem Tod nah.

Auf einmal begann er über sein Leben nachzudenken. Was ist eigentlich der Sinn meines Lebens? Wie zerbrechlich ist doch alles irdische Glück! Wofür hab ich bisher gelebt? Seine bisherige Lebensbilanz war ernüchternd. Denn er merkte: Eigentlich ging es mir bisher nur um Spaß und Unterhaltung!

Aufgewachsen war er in einem frommen armen Elternhaus. Ja, er begann sogar ein Theologiestudium! Doch das brach er ab. Denn ihm waren Gott und Glaube eigentlich egal. Der Rationalismus beherrschte die damalige Zeit. Und die heutige Zeit? Wozu brauchen wir Gott? Wir können die Welt mit unserer Vernunft ergründen und erklären – und wo wir das nicht können, hilft uns doch Gott auch nicht weiter… denken viele.

Also Schluss mit dem Glauben! Und rein ins Vergnügen! Er arbeitete als freier Schriftsteller und Journalist in Weimar. War befreundet mit Goethe und Herder. Liebte Satire und Provokation, löste manchen Skandal aus, etwa mit dem Marionettenstück “Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel”, in dem er ausgerechnet Altmeister Goethe auf die Schippe nahm. Ach, er würde so gut in unsere Zeit passen! Comedy und bissige Späße auf Kosten anderer – das war sein Ding. Er fände seinen Job in der Heute-Show, bei Böhmermann und solchen Leuten. Er sah sich auf der Sonnenseite des Lebens. Seine Frau sagte über ihn: “Er sieht die Sonne um Mitternacht.” Gar nicht so weit weg von uns, dieser Herr Johannes Falk.

Doch dann bricht seine heile Spaß- und Glückswelt wie ein Kartenhaus zusammen. In diesem Terror von 1813. “Welt ging verloren”. Die Welt um ihn, aber auch die Welt in ihm, in seinem Leben, in seiner Familie.

Doch dieser Zusammenbruch war für Johannes Falk nicht das Ende, sondern die Wende. Genau wie er es dann in seinem Lied beschrieben hat: Welt ging verloren, Christ ist geboren.

Denn er merkte: Wenn alles zerbricht, gibt es einen, der mich hält, ein Licht in meiner kaputten Welt. Und er merkte: Gott gibt mich nicht verloren!

Auf einmal spürt er: Das ist Weihnachten! Nicht nur, dass vor vielen Jahren Gott in diesem Kind Jesus in der Krippe zur Welt kommt. Sondern dass Gott jetzt in meinem Herzen zur Welt kommt. Dass Jesus in mir geboren wird!

Ein anderer Dichter, Angelus Silesius, bringt es so auf den Punkt: Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bliebest doch verloren.

Das Geheimnis von Weihnachten ist: Wenn Jesus in unser Leben kommt. Wenn unser Herz zu seiner Krippe wird. Dann heißt es: O du fröhliche!

Für Johannes Falk begann ein zweites Leben. Er wurde wieder gesund, und sein Leben bekam eine neue Aufgabe, einen ganz neuen Sinn. Und der lässt sich gut mit der zweiten Strophe beschreiben:

 

2) Christ ist erschienen uns zu versühnen

Dass Jesus in die Welt gekommen ist, hatte ein großes Ziel. Im Lied wird es so beschrieben: “uns zu versühnen” – ein altes Wort, das man auch mit versöhnen umschreiben kann. Darum ist Jesus Christus, der Sohne Gottes geboren. Um uns zu versöhnen – aber mit wem?

Zum einen: mit Gott! Die Beziehung zu Gott muss ins reine gebracht werden. Heil gemacht werden. Darum auch der Name Heiland für Jesus. Vielleicht denken manche: “Wieso, ich hab Gott doch nix getan.” – Eben! Genau darum geht es, wir kümmern uns nicht um Gott, wir sind nicht gegen ihn, aber er ist uns schlicht und ergreifend egal. Wenn es uns gut geht, brauchen wir ihn ohnehin nicht. Und wenn es uns schlecht geht, dann schreien wir entweder zu ihm: Herr, hilf mir jetzt! Oder machen ihm Vorwürfe: Wie kannst du das zulassen?

Ganz ehrlich: Welche menschliche Beziehung würde so etwas auf Dauer aushalten? Ein Beziehung, in der man gar nicht mehr miteinander redet, die kann man ja nicht als glücklich bezeichnen. Der Ehemann sitzt in der Bar und seufzt. “Kummer?” fragt der Barkeeper. “Ach, meine Frau hat gesagt, sie würde einen Monat lang kein Wort mehr mit mir reden.” – “Wie schrecklich!” – “Ja, heute ist der Monat rum!”

Klingt nicht nach einer Traumbeziehung, oder? Doch wie sieht unsere Beziehung zu Gott aus? Das Gute ist: Gott hält in seiner Liebe an uns Menschen fest! Er wirbt um uns, er ringt um uns, er ruft uns, sucht uns. Er will Versöhnung mit uns. Darum hat er Jesus gesandt. Darum ist Jesus auch für unsere Schuld am Kreuz gestorben. Christ ist erschienen uns zu versühnen – mit Gott. Paulus sagt: Darum bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott.

Johannes Falk erlebte diesen Neuanfang in der Beziehung mit Gott. Doch: Christ ist erschienen uns zu versühnen heißt noch mehr: nicht nur mit Gott, sondern auch mit den Menschen! Es geht immer um beide Dimensionen des Glaubens: Gott und Mensch: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden! Dass wir uns einsetzen für Versöhnung in unserer Welt. Dass wir den sehen, der in Not ist, der Hilfe braucht.

Johannes Falk blieb nicht bei seinem eigenen Leid stehen, sah nicht nur seine eigene Not, sondern auch die der anderen. Denn jetzt – im schlimmen Elend der napoleonischen Kriege – irrten Tausende von Straßenkindern, arme und verwilderte Waisen, bettelnd und stehlend durchs Land. Er erinnerte sich, was ihm einst die Stadtväter von seiner Heimatstadt Danzig mit auf den Weg gaben, als sie ihm, dem Kind aus armen Verhältnissen, mit einem großzügigen Stipendium das Studium ermöglichten. Sie sagten: “Wir haben dich als Kind mit Liebe gepflegt. Wenn ein armes Kinder an deine Tür klopft, vergiss nie, wie arm du selbst warst!” Johannes Falk, tief getroffen vom schweren Verlust seiner Kinder, erinnerte sich wieder an die Mahnungen von damals. Wirklich, da standen zerlumpte Kinder an seiner Tür und er nahm sie bei sich auf. Johannes Falk gründete den Verein „Freunde in der Not” und mietete ein leer stehendes Haus an. Seine Schriftstellerei war ihm plötzlich nicht mehr wichtig. Er nahm die hungernden und heimatlosen Kinder nicht nur auf, sondern fand bei diesen Kindern auch seine pädagogische Lebensaufgabe. Der hilflose Staat sperrte damals die streunenden Kinder in Arbeitshäuser ein. Falk aber setzte auf Erziehung statt auf Strafe und begeisterte die Kinder mit Spielen, Liedern und seinen meisterhaften Erzählungen. Daneben baute er für seine Kinder eine eigene Schule auf und bemühte sich um Ausbildungsplätze für Lehrlinge in handwerklichen Berufen. Die damals unglaublich große Zahl von über 100 Kindern wurde versorgt. Insgesamt hat Johannes Falk mehr als 500 Kinder für ihr ganzes Leben entscheidend geprägt.

Falk erkannte, wie wichtig es neben einer soliden Berufsausbildung war, diese Kinder zu einem lebendigen Glauben an Jesus Christus zu führen. „Kinder von Räubern und Mördern singen Psalmen und beten” schrieb Falk in einem Brief. „Knaben verfertigen Schlösser aus dem schmählichen Eisen, das ihren Händen und Füße bestimmt war, und bauen Häuser, die sie früher nur aufzubrechen verstanden. Ja, es ist wahrlich so, wo Ketten und Fußblöcke, wo Peitsche und Gefängnis nichts vermögen, trägt die Liebe den Sieg davon.”

 

3) Himmlische Heere jauchzen dir Ehre

Was ist das für ein Fest, wenn Menschen das echte Weihnachten erleben! Jesus sagt: Da freuen sich alle Engel im Himmel mit (Lukas 15,7.10). Himmlische Heere jauchzen dir Ehre heißt es in unserm Lied. Die Hirten auf dem Feld haben davon einen Vorgeschmack erleben dürfen.

13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:
14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Eine riesige Freude, ein großer Jubel ist das, wenn Menschen plötzlich einen Neuanfang für ihr Leben geschenkt bekommen, wenn die Beziehung zu Gott und den Mitmenschen in Ordnung kommt, wenn sie beginnen, sich für andere einzusetzen. Die Geschichte von Johannes Falk und dem Lied “O du fröhliche” zeigt: Das ist kein Weihnachtsmärchen. Das geschieht, wo wir anfangen mit Jesus zu leben.

Freue, freue dich, o Christenheit: So lebte es Johannes Falk vor. Auch wenn er mit seiner Frau Caroline noch weiterhin manches schwere Leid erdulden musste, weitere Kinder von den beiden starben. Und seine Hilfe für die Straßenkinder kam nicht überall gut an. Er hatte Anfeindungen und Schwierigkeiten zu erdulden. Doch er freute sich auf den Himmel. Er freute sich auf die Auferstehung! Deshalb war ihm auch die Osterstrophe so wichtig. Weil Jesus auferstanden ist, dürfen auch wir auferstehen. Weihnachten und Ostern gehören zusammen:

O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Osterzeit!
Welt liegt in Banden, Christ ist erstanden:
Freue, freue dich, Christenheit!

Und so dichtete er selbst die Grabinschrift, die heute noch in Weimar zu lesen ist:

“Unter diesen grünen Linden
ist durch Christus frei von Sünden
Herr Johannes Falk zu finden.”

Viel können wir von ihm lernen und ich freu mich schon sehr, wenn wir es nachher gemeinsam schmettern: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit.

Amen.


 

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