Menschen unterm Kreuz

Gottesdienst am Karfreitag, 14.04.2017

Thema: Menschen unterm Kreuz

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Johannes 19,16-30

 

Liebe Gemeinde,

es ist ein Kreuz mit dem Kreuz! Das Kreuz stört!

Damit hätte die evangelische Lehrerin in Berlin nicht gerechnet: Auf einmal flatterte ihr ein Brief ihrer Schulleitung ins Haus, in dem ihr per Dienstanweisung verboten wurde, in der Schule weiterhin ihr kleines Halskettchen mit dem Kreuzanhänger um den Hals zu tragen. Das widerspräche dem Berliner Neutralitätsgesetz! Diese Meldung ging in den vergangenen Tagen durch die Presse. Und das war nicht am 1. April! Kein Aprilscherz also. Wie bitte? Eine Schmuckkette mit einem kleinen Kreuz dran, wie manche es seit ihrer Konfirmation ein Leben lang tragen – verboten? Wo leben wir eigentlich?

Was hat es mit dem Kreuz auf sich? Unser christlicher Glaube – ohne Kreuz nicht vorstellbar! Karfreitag – ohne Kreuz gäbe es ihn nicht! Sündenvergebung, ewiges Leben – ohne Kreuz gäbe es das nicht! Doch wie unterschiedlich begegnen Menschen dem Kreuz! Den einen ist es völlig gleichgültig, andere verspotten es, wieder andere bekämpfen es. Und wir? Wir wollen uns heute einmal zu den Menschen gesellen, die damals in Jerusalem unterm Kreuz standen.

In Amsterdam befindet sich das Museum Het Rembrandthuis, das ehemalige Wohnhaus des großen Künstlers. Darin hängt auch ein Monumentalgemälde von einem der Vorläufer Rembrandts, Pieter Lastman, die Kreuzigung, aus dem Jahre 1616. Menschen unterm Kreuz. Hier sind sie zu sehen. Das ganze Bild beeindruckt erst mal durch seine massive Dunkelheit. In den Evangelien lesen wir: “Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.”

In diese Finsternis sind alle Dunkelheiten und Nächte unserer Welt aufgenommen. Die Dunkelheit von Leid und Angst, von Mord und Terror, von Krankheit und Tod. Jesus ist da mittendrin. Er solidarisiert sich mit unserer dunklen Welt. Das heißt doch: Er kennt die Dunkelheit unserer Welt und unseres Lebens. Und wenn es in deine Leben mal Nacht ist, so richtig, so ausweglos und dunkel, dann darfst du wissen – und dieses Bild zeigt es – Jesus ist mittendrin! Er ist bei dir und steht dir bei.

Und dann sieht man da unterm Kreuz all diese Menschen da. Es war ja ein ziemliches Getümmel da. Schauen wir mal hin, wen man da alles sieht. Und ich frage einmal: Wer sind wir? Wer sind Sie, wer bist du, wer bin ich?

Also schauen wir uns an, wen man da alles sieht. Nein, erst mal, wen man nicht sieht!

Wir sehen von all seinen Jüngern gerade mal einen. Johannes. Im roten Gewand am Kreuz. Aber wo sind all die andern? Wo ist Petrus?
Ausgerechnet die engsten Freunde sucht man vergebens. Das macht doch nachdenklich. Ausgerechnet die, die Jesus lieb haben, die ihm nachfolgen,  die an ihn glauben – die fehlen hier. Sie haben Angst, sie lassen ihn im Stich. Ja, das macht demütig. Das macht uns still. Denn das kennen wir doch, oder? Auch wenn wir fest an Jesus glauben – es gibt doch Zeiten des Zweifels, es gibt Zeiten, in denen wir ihn im Stich lassen. Wie befreiend ist es da zu hören, was Paulus sagt: “Sind wir untreu, so bleibt er doch treu!” (2. Timotheus 2,13). Wir sollten uns jedenfalls nicht zu viel auf unsern Glauben einbilden. An anderer Stelle sagt Paulus: “Wer meint, er stehe, mag zusehen, dass er nicht falle!”
Doch nun – was sind das für Menschen unter dem Kreuz?

(1) Zum ersten sind da die Soldaten.
Sie tun ihre Pflicht.  Nicht das erste Mal. Sie haben schon viele Menschen gekreuzigt. Das gehört wohl oder übel zu ihrer Arbeit. Sie tun ihre Pflicht. Diese Soldaten sind abgestumpft. Zum Glück sind nicht alle Soldaten so. Und ich weiß auch, dass es in dieser Welt Soldaten braucht. Soldaten, die oft ihr Leben riskieren müssen, um irgendwo das Böse wenigstens ein bisschen einzudämmen, zu bekämpfen. Doch diese Soldaten hier sind verroht. Männer,  die zuhause gute Ehemänner und Väter sind, foltern Gefangene und töten Unschuldige. In Syrien, in Ägypten, im Irak, in Auschwitz, im Archipel Gulag, in Ruanda. Soldaten, die zuhause Familie haben, machen Jagd auf Zivilisten, schießen auf Kinder oder erschießen ihre Eltern vor ihren Augen.

Menschen können sich Schreckliches einfallen lassen, andere zu demütigen und zu quälen. Die Soldaten unter dem Kreuz sind Menschen, die ihre Pflicht tun. Sie tun, was ihnen gesagt wird. Sie handeln wie  Maschinen, wie Roboter ohne eigenen Kopf. Sie tun ihre Pflicht und merken nicht, dass sie Gottes Sohn dabei kreuzigen. Am Ende losen sie über die Kleider der Getöteten. Ein kleines Spiel, ein willkommener Zugewinn, ein Trinkgeld sozusagen für ihre harte Arbeit.

Jesus hat ein Wort – selbst für die Soldaten! Er betet für sie. Mitten in den schlimmsten Schmerzen. Nicht später, als alles vorbei ist, jetzt, wo es am meisten weh tut, da betet er für sie: „Vater vergib  ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ –  Was haben wir für einen Herrn, der so vergibt! Kann ich auch so beten für andere, die mich verletzen? Was ist das denn für eine Liebe! Es hat mich sehr bewegt, als vor kurzem eine Konfirmandin das Fürbittengebet geschrieben hat. Und dann hat sie gebetet für die Opfer vom Terrorismus, aber dann auch für die Terroristen selbst: Und bitte hilf den Terroristen, dass sie aufhören mit ihrem bösen Tun und zum Glauben an dich finden.

(2) Dann ist da das Volk.
Es ist kaum zu sehen in der Dunkelheit. Unbeteiligt. Am Rande. Und doch irgendwie neugierig.

„Und das Volk stand da und sah zu.“ (Lukas 23,35) Solche Menschen gibt es immer, wo andere leiden. Zuschauer. Gaffer. Menschen, die dem Horror ins Auge sehen wollen, die das Blut sehen wollen. Sie gaffen und sie schweigen. Zuschauer sind nicht  weniger  geworden seit  damals.  Durch das Fernsehen kommen Tote, Verwundete, Traumatisierte, Trauernde aus den Katastrophen unserer Zeit direkt in unser Wohnzimmer. Das Zuschauen wird uns immer  leichter  gemacht.

Jesus hat nie nur zugeschaut. Und er tut es bis heute nicht. Er identifiziert sich mit denen, die Unrecht leiden. „Ich war hungrig,“ sagt er, „und ihr habt mir nichts zu essen gegeben.“ „Ich wurde gefoltert und ihr habt zugesehen.“ „Ich hatte Durst nach Gerechtigkeit und ihr habe euch ein Bier vor eurem Fernseher aufgemacht.“ – Sagt nie wieder, dass ihr nichts gewusst habt. Ihr habt es selbst gesehen!

(3)  Dann sind da die Oberen.
Die Schriftgelehrten, Ratsmitglieder und Rechtsexperten. Leute, die die Bibel gut kennen. Die im Kopf über Gottes Willen bestens Bescheid wissen. Aber im Herzen weit weg sind. Sie haben den Machtkampf gewonnen. Sie haben Recht behalten. Jetzt spotten sie! Er hatte  ihre Autorität, ihre Tradition, den Ernst ihres Glaubens nicht ernst genommen.  Er hatte ihre Gebote  übertreten. „Das hat er nun davon!“ „Zeig es, wenn du der Messias bist!  Einen König, der nicht zeigen kann, wer er ist, der ist kein König! Wir wollen sehen, was wir glauben sollen. Wir wollen dich stark erleben  oder gar nicht. Einen Messias, der uns nicht  befreit, wollen wir nicht.  Und so sitzt dieser hier auf seinem hohen Ross, ganz leger, er schaut noch nicht mal hin. Dass Jesus am Kreuz stirbt, lässt ihn kalt. Wie viele schauen auch heute noch nicht mal hin zum Kreuz! Wie viele lässt Jesus kalt.

(4)  Und dann ist da noch dieser römische Hauptmann.
Er steht am Rand. Aber er wird gehört haben, als Jesus betete: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Er stand nahe dabei. Er hat die Soldaten befehligt.  

Da fing der römische Hauptmann an, Gott zu loben. Und er sagt: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!” (Markus 15,39).  Der Hauptmann wird kaum etwas verstanden haben. Er hat nie den Kindergottesdienst besucht. Er war ein Gegner Jesu. Aber er hat  Gott  durch den Gekreuzigten erkannt und gefunden. Er spürte etwas von der unendlichen Liebe Jesu, der sein Leben lässt – unschuldig. Für uns.

(5) Und dann sind da einige Frauen. Und Johannes steht auch mit dabei. Neben Johannes steht Maria, die Mutter Jesu. Sie kann es einfach nicht fassen, was da geschieht. Wie schrecklich, wenn Eltern den Tod ihres Kindes miterleben müssen! Es ist so ziemlich das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann. Und Jesus sieht ihren Schmerz. Und obwohl er selber unsägliche Schmerzen leidet, gilt seine Aufmerksamkeit und seine Liebe ihr und seinem Freund Johannes. So sagt er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: “Siehe, das ist deine Mutter!” (Johannes 19,26f). Wie er noch in seiner Todesstunde Beziehung stiftet, eine neue Familie schafft. Das ist die Geburtsstunde von Gemeinde! Gemeinde heißt: Seid für einander da! Steht euch bei im Leid. Ja, es ist Jesus, der uns in schwersten Anfechtungen und Leiden Trost gibt, aber er tut dies oft durch andere Menschen. Durch Brüder und Schwestern im Glauben. Wem kannst du ein Johannes sein?

Und dann ist da Maria Magdalena, die das Kreuz fest umklammert. Sie spürt: Da ist einer, der mich aus tiefstem Herzen geliebt hat. Der nicht meinen Körper geliebt hat und dem dabei meine Seele egal war, der nicht auf meine Fehler und Versagen geschaut hat, sondern einer, der mich gesund geliebt hat, der mir vergeben hat. So klammert sie sich ans Kreuz. Jesus hatte gesagt: “Ihre vielen Sünden sind ihr vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.” (Lukas 7,47)

Sind wir Maria Magdalena? Klammern wir uns ans Kreuz? Es ist unsere einzige Rettung! Sind wir uns dessen bewusst, dass wir Vergebung brauchen? Sind wir uns dessen so bewusst wie Maria Magdalena? Dann wird auch unsere Liebe zu diesem Jesus wachsen!

(6) Adam
Und dann ist da noch jemand zu sehen. Allerdings: zugegeben, kaum zu erkennen. Er ist schon ein bisschen in die Jahre gekommen. Er liegt dort unten am Bildrand. Und es ist nur noch sein Skelett, ja nur sein Schädel! Und man sieht ihn sehr oft auf Kreuzigungsdarstellungen. Schon von den ganz alten Ikonen der ersten Jahrhunderte an. Wer ist es denn? Es ist der alte Adam, der dort liegt! Dieser Schädel liegt dort auf Golgatha, der Schädelstätte. Der Schädel Adams unter dem Kreuz. Damit wird zum Ausdruck gebracht, was Paulus in Römer 5 sagt: So wir durch einen Menschen, durch Adam, die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist durch einen Menschen die Erlösung, die Rettung, das Leben gegeben, durch Jesus Christus. (Römer 5,12.18). Dieser Jesus, der da am Kreuz sein Leben gibt für alle Adamssöhne und Evastöchter! Dieser Schädel – er steht für alle Vergänglichkeit, für alle Sünde, für den Tod. Doch das Kreuz steht darüber, es ist größer, es zeigt: Jesus hat gesiegt über Sünde, Tod und Vergänglichkeit. Und wenn wir dereinst mal selber an der Schwelle des Todes stehen – keiner von uns weiß, wann das sein wird, dann ist dies ein großer Trost zu wissen: Jesus ist für mich gestorben und wird mir das Leben schenken. Er hat die Arme weit ausgebreitet – nicht nur am Kreuz, sondern genauso an der Pforte des Himmels! Und damit sagt er: Ich lade dich ein zu mir zu kommen! Die Tür ist offen, vertrau dich mir an. Du bist willkommen!

(7) Und ich?
So sind die Menschen unter dem Kreuz ganz unterschiedlich. Wer bist du? Wer bin ich? Bist du der Zuschauer, der alles interessiert oder gelangweilt, empört oder gleichgültig von außen betrachtet? Bist du der heidnische Hauptmann, der erst ganz weit weg war und dann zum Glauben findet? Bist du Johannes, der Freund, der bei Jesus bleibt und mit ihm mitgeht und für andere da sein will? Bist du Maria Magdalena, die von ganzem Herzen Jesus liebt? Vielleicht bist du mal dieser und mal jene… Mal zweifelnd, mal glaubend, mal nah, mal fern… Doch Jesus ist immer der gleiche. Nämlich: für uns da! “Wer Jesus für mich ist? Einer der für mich ist! Was ich von Jesus halte? Einer, der zu mir hält!” (Lothar Zenetti)

Amen.

 

 

Zur Druckversion