Max Mustermann

GOfresh am Sonntag, 09.10.2016

Thema: Max Mustermann

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: 1. Samuel 16,7

 

Liebe Gemeinde!

Darf ich vorstellen? Max und Erika Mustermann.

— Unsinn! – vorstellen muss man diese beiden ja nun wirklich nicht. Denn jeder kennt sie. Vor kurzem erst war in den Schaumburger Nachrichten ein großer Artikel über die beiden, speziell über Erika Mustermann. Sie ist die bekannteste Durchschnittsdeutsche schlechthin. Platzhalterin in Mustern für den Personalausweis, in allen möglichen Vorlagen und Ausfüllhilfen und Formularen. Und das seit 1978. Als Geburtstag wurde der 12.9. angegeben. Nun erschien ihre erste “Biografie” – obwohl ihr kaum jemand je begegnet sein dürfte. Erika und Max Mustermann stehen für die bzw. den Durchschnittsdeutsche/n. Und nimmt man nun die Statistik zu Hilfe, dann lässt sich aussagen, dass z.B. das Lieblingsessen des Durchschnittsdeutschen, also von Erika Mustermann, was ist? Spaghetti Bolognese! Das beliebteste Hobby? Gartenarbeit. Die Lieblingsspiele? Memory und Puzzle.

Bin ich auch so ein Durchschnittsmensch? Ich habe gelesen, dass das Pendant zu Max Mustermann in den USA oft schlicht John Average heißt. John “Durchschnitt”. Und in Portugal Zé Ninguém. Das heißt: “Josef Niemand”.

Ist das eine Umschreibung für unser Leben? Einfach ein Durchschnittsmensch, ein Niemand. Der gar nicht auffällt und bei dem es eigentlich egal ist, ob es ihn gibt oder nicht?

Bei Erika Mustermann war es anfangs immerhin so, dass sie massenweise Heiratsanträge bekam – die irgendwie an die Bundesdruckerei gingen. Viele Männer waren ganz verknallt in diese blonde Frau auf den neuen Personalausweismustern. Doch später wurde sie – was für ein Skandal! – einfach ausgetauscht! Es gibt nun schon die vierte. Und irgendwie ist keine davon richtig echt. Letztlich ist es ziemlich egal, ob es sie gibt oder nicht. Denn irgendwann wird sie wieder ausgetauscht. Sind wir auch so austauschbar? Ist unser Leben so belanglos wie das von Max und Erika Mustermann, von John Average oder Zé Ninguém, Josef Niemand?

Was gibt meinem Leben Tiefe, Sinn, Würde, Einmaligkeit, bleibende Bedeutung? Was ist meine wahre Identität? Who am I – Wer bin ich? So haben wir vorhin gesungen.

Natürlich weiß ich auch: Jeder ist per se einmalig, jeder Fingerabdruck ist einzigartig, erst recht jede Biografie, diese je einzigartige Mischung aus Herkunft und Umwelt, aus Genen und Prägung. Aber ist es das schon? Ist es das, was uns bleibende Bedeutung verleiht, was unsere Identität ausmacht? Was uns unterscheidet von Max oder Erika Mustermann?

 

Ich glaube, diese kindliche und doch so tiefsinnige Geschichte von Punchinello, die wir eben gehört haben (Max Lucado, Du bist einmalig), kann uns auf die richtige Spur bringen. Am Anfang werden die Wemmicks beschrieben, dieses Holzpuppenvolk. Sicher: Jeder war irgendwie anders. Große, kleine, dicke, dünne Wemmicks. Einige haben große Nasen, andere große Augen. Aber das machte noch nicht ihre Identität aus. Das sind doch Äußerlichkeiten! Äußerlichkeiten, nach denen sie einander bewerteten. Mit goldenen Sternchen oder grauen Punkten. Gut oder schlecht. Plus oder minus. Und da ist Punchinello, der arme Kerl – der kriegt nur graue Punkte ab! Wir Menschen sind ja nicht anders. So schnell geben wir andern unsere Etiketten, unsern Stempel, unsere Sternchen und graue Punkte. Und nicht nur andern, auch uns selbst. Und meinen: Jawohl: Jetzt ist es klar, wer wir sind – und wer die andern sind.

In der Bibel lesen wir auch so eine Wemmick-Geschichte: Der Prophet Samuel bekommt von Gott den Auftrag, einen neuen König zu salben, weil der alte König Saul Gott ungehorsam geworden war. Und so sendet Gott den Samuel nach Bethlehem zum alten Isai und seinen Söhnen. Von diesen sieben Söhnen war einer zum König bestimmt. Und wie bei so einer Casting-Show  – “Israel’s next top king” – präsentiert sich einer nach dem andern dem Samuel. Und schon der erste, Eliab, der älteste, machte einen imposanten Eindruck auf Samuel. Der ist es! Schon gleich wollte Samuel das goldene Sternchen auf ihn kleben. Aber halt! Gott stoppte ihn. Lesen wir mal diese entscheidende Stelle aus 1. Samuel 16:

6 Als die Söhne Isais nun kamen, sah Samuel den Eliab an und dachte: Fürwahr, da steht vor dem HERRN sein Gesalbter.
7 Aber der HERR sprach zu Samuel: Sieh nicht an sein Aussehen und seinen hohen Wuchs; ich habe ihn nicht erwählt. Denn nicht sieht der HERR auf das, worauf ein Mensch sieht. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.

Das, worauf wir Menschen achten, diese ganzen Äußerlichkeiten wie Aussehen, Klamotten, Status, Stärke, Macht, Reichtum, Können, Leistung, Schulnoten, Gehaltsstufe, Urlaubsziele, Rhetorik, Attraktivität, Wellness, Gesundheit … All das ist nicht das, was deinem Leben bleibende Bedeutung und Sinn gibt! Das gibt dir höchstens ein paar goldene Sternchen bei deinen Mit-Wimmicks. Aber es ist nicht deine Identität, es ist nicht dein Wesen!

Eliab hatte äußerlich eine Menge vorzuweisen – aber das war nicht das, was in Gottes Augen zählte. Dann kam der nächste:

8 Da rief Isai den Abinadab und ließ ihn an Samuel vorübergehen. Und er sprach: Auch diesen hat der HERR nicht erwählt.
9 Da ließ Isai vorübergehen Schamma. Er aber sprach: Auch diesen hat der HERR nicht erwählt.
10 So ließ Isai seine sieben Söhne an Samuel vorübergehen; aber Samuel sprach zu Isai: Der HERR hat keinen von ihnen erwählt.

Samuel ist absolut irritiert. Es sollte doch einer der Söhne Isais sein. Aber irgendwie war es keiner…

11 Und Samuel sprach zu Isai: Sind das die Knaben alle?

Isai nickt vielleicht erst mal: Ja, eigentlich schon. Ach nee, da fällt mir ein: Einer ist da noch.

Er aber sprach: Es ist noch übrig der jüngste; siehe, er hütet die Schafe.

Das war David. Wie bezeichnend für seine Stellung in der Familie. Er war ein Nichts! Er war der Max Mustermann. Austauschbar, beliebig, ersetzbar, wertlos. Samuel hatte Isai und seine Söhne zu dieser besonderen Zeremonie geladen – und der David wird dabei einfach vergessen! Vom eigenen Vater, von seinen Brüdern. Einfach ignoriert, wie Luft, als ob es ihn gar nicht gibt. Wie Max Mustermann. Einfach so ein Platzhalter, der gerade gut genug ist, die Schafe zu hüten, aber für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens nichts taugt.

Und es gibt solche Menschen. Viel mehr als man denkt. Menschen, die den Eindruck haben: Sie sind im Grunde überflüssig. Ich denke an eine alte Frau, die mir mit über 90 mal sagte: “Herr Pastor, meine Eltern wollten mich nie haben. Und das haben die mir auch immer wieder zu verstehen gegeben. Die wollten einen Jungen! Einen Hoferben. Und dann kam ich. Und eines Tages sagte mir das mein Vater: Du bist ein einziger Unfall! Glauben Sie mir: Das hat mich ein Leben lang begleitet.” Solch einen riesigen grauen Punkt angeklebt zu bekommen – das muss schlimm sein. Und ich denke an Konfirmanden. Immer wieder ist jemand dabei, der genauso empfindet: Mich mag eh keiner! Weder hier in der Gruppe, noch zu Hause, noch in der Schule. Oder ich denke an ein Mädchen, das viele Probleme hatte. Und ich gab ihr den Rat: “Du, wenn du mit deinen Eltern nicht über diese Dinge reden kannst, sprich doch mal mit einer guten Freundin darüber.” Und da sagte sie mir – mit Tränen in den Augen: “Ich habe gar keine Freundin!” Ich glaube, es war gut, dass wir dann wenigstens etwas reden konnten. Aber was für ein Satz: “Ich habe gar keine Freundin!”

So musste sich David gefühlt haben! Seine einzigen Freunde waren die Schafe. Doch bei Gott werden die Karten neu gemischt. Samuel sagt: Da sprach Samuel zu Isai: Sende hin und lass ihn holen; denn wir werden uns nicht niedersetzen, bis er hierher kommt.

12 Da sandte er hin und ließ ihn holen. (…) Und der HERR sprach: Auf, salbe ihn, denn der ist’s.

Der ist’s! Alle grauen Punkte und Bewertungen durch andere Menschen, seinen Vater, seine Geschwister… sie fallen mit einem Mal von David ab. Gott schaut eben viel tiefer. Er sieht nicht das, was vor Augen ist, er schaut ins Herz. Und er liebt gerade die Herzen, die traurig, einsam, zerbrochen sind. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an. Das heißt nicht, dass das Davids Herz perfekt war. Nein, es hatte auch seine Abgründe. David erlebt in seinem Leben die Abgründe seines Herzens: Ehebruch, Mord, Stolz. Aber in Davids Herzen ist diese Sehnsucht nach Gott, diese Sehnsucht nach Heilung, nach Hilfe: “Nach dir, Herr, verlanget mich. Wende dich zu mir und sei mir gnädig, denn ich bin einsam und elend.” (Psalm 25,1 u. 16)

Punchinello findet seine Identität, als er zu dem hingeht, der ihn gemacht hat. Eli, der Holzschnitzer. Übrigens: Eli ist hebräisch und heißt: “Mein Gott”. Eli sagte ganz langsam: “Weil du mir gehörst. Darum bist du für mich wichtig.” Und: “Die Aufkleber, diese ganzen Etiketten, das, was andere über dich sagen und von dir denken, das haftet nur, wenn es für dich wichtig ist. Je mehr du meiner Liebe vertraust, desto weniger bedeuten sie dir.” Das hat auch David erfahren. Er war für Gott wichtig. Er war für Gott ein König! Du salbest mein Haupt mir Öl und schenkest mir voll ein (Psalm23,5) – konnte er später singen. Vielleicht hat er seinen Namen neu verstanden: David bedeutet hebräisch: “geliebt”. Du bist ein von Gott Geliebter! Wollen wir uns doch auch ganz neu als von Gott geliebte Menschen sehen. Als Menschen, die Gott so sehr liebt, dass er in Jesus, dem “Sohn Davids”, einer von uns wird. Und so wollen wir auch die andern als von Gott geliebte Menschen sehen. Und endlich aufhören, andern unsere Etiketten und Bewertungen und Vorurteile anzukleben.

Halt mal inne:

Wo habe ich mir selbst von andern graue Punkte, Negativurteile ankleben lassen? Wo haben mich Menschen verletzt? David betet: “Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin.” (Psalm 139,14) Wenn du magst, sprich ihn in deinem Innern nach. (Pause).  Dieser Satz kann ein erster Schritt zur Heilung sein. Mach dich nicht abhängig von den Bewertungen anderer. Weder, dass dich die grauen Punkte runterziehen sollen, noch, dass du immer den goldenen Sternchen hinterherjagst.

Ein zweiter könnte die Frage sein: Kann ich den Menschen, die mir diese grauen Punkte ankleben, vergeben? Vielleicht jetzt? (Pause)

Und eine 3. Frage: Wem hast du zuletzt in deinen Gedanken eine negative Bewertung angeklebt? Bitte Gott jetzt dafür um Vergebung. (Pause).

Der Holzschnitzer Eli sagt zu Punchinello: “Du bist einmalig, weil ich dich gemacht habe.” Das ist das Geheimnis unserer Identität. Wir müssen uns nicht selbst unsere Identität stiften, unsere Würde erarbeiten, unsere Bedeutung erkämpfen. Nein – sie ist uns geschenkt; von dem, der uns gemacht hat.

Wir sind nicht von Menschen ausgedacht wie Max oder Erika Mustermann. Und darum sind wir auch nicht von Menschen und ihrem Urteil abhängig.

Und selbst wenn du dich bisher für so einen Durchschnittsmenschen, für so ein Niemand gehalten hast wie Max Mustermann, dann kann aus Max Mustermann doch ein Mensch aus Fleisch und Blut werden: So wie dieser hier (Bild zeigen!). Das ist ein echter Max Mustermann. Es ist schon ein paar Jahre her: Am 14. März 2003 in erblickte in Quakenbrück bei Osnabrück der kleine Max Mustermann das Licht der Welt. Mutter Jessica Mustermann und Vater Thomas fanden den Namen “Max” so schön. “Uns war damals nicht bewusst, wie bekannt der Name ist”, sagte die Mama später. Und so gibt es also doch noch einen Max Mustermann, der nicht einfach nur ein austauschbarer Durchschnittsmensch ist, sondern einmalig, wertvoll, wunderbar gemacht, von Gott geliebt. So wie du. Und so wie ich.

Amen.

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