Lebensworte

Gottesdienst am Sonntag, 06.11.2016

Thema: Lebensworte

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Johannes 6,68 und Lied: “Deine Worte”

 

Liebe Gemeinde,

Lebensworte – so heißt es heute. Worte, die Leben schenken, die Leben bedeuten, die dem Leben dienen. Worte, die einfach wertvoll sind. Egal ob sie gesprochen werden, gelesen werden, gehört werden oder – wie heute vor allem: gesungen werden. Aber was macht Worte zu Lebensworten? Was gibt Worten ihr Gewicht? Eins ist klar: Es ist nicht ihre Länge! Oder die Anzahl ihrer Buchstaben. Das längste Wort der deutschen Sprache etwa – 63 Buchstaben hat es! – es zählt wohl nicht zu den Lebensworten: “Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz“. Klingt schön deutsch, oder? Aber kein Lebenswort. Es ist auch nicht sehr haltbar gewesen. Vor 3 Jahren wurde es vom Schweriner Landtag, wo es ein paar Jahre zuvor auch erfunden wurde, offiziell wieder abgeschafft.

Ist es die Schönheit eines Wortes, die es zum Lebenswort macht? Bei einem großen Wettbewerb, welches das schönste deutsche Wort sei, wählte die Jury von Experten des deutschen Sprachrats und des Goethe-Instituts aus über 23.000 Vorschlägen immerhin unter die schönsten 5 Worte das wohlklingende Wort: Rhabarbermarmelade. Klingt doch herrlich, oder? “Barbaras Rhabarbermarmelade” – da greift man zu. Aber ein Lebenswort?

Eher ist das schon ein Lebenswort, was die Jury bei der Suche nach dem schönsten Wort auf den 3. Platz wählte: Es ist das schöne Wort “lieben”. Die Begründung der Jury: “Es ist nur ein ‘i’ vom Leben entfernt.” Es gehört also ganz dicht zum Leben. Von daher: ja, “Lieben” ist ein wirkliches Lebenswort! Aber es ist doch nicht die Schönheit eines Wortes, die es zum Lebenswort macht. Was macht ein Wort zu einem Lebenswort für mich? Ich glaube, das Entscheidende ist: Wer spricht das Wort zu mir? Nehmen wir das Wort “lieben”.

Es ist doch wirklich ein großer Unterschied, ob irgendwo in Amerika ein Donald Trump einer großen Menge sein heiseres “I love you” zubrüllt, oder ob ein liebender Ehemann auch nach vielen Jahren Ehe seine Frau verliebt wie am ersten Tag anschaut und ihr mit leiser Stimme zuflüstert: “Ich liebe dich!” Das sind Lebensworte!

Ich denke: Es kommt ganz darauf an, wer es spricht.

Und wenn derjenige zu uns Worte spricht, der selber das Leben erschaffen hat, ja, der selber das Leben ist, der gesagt hat: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben – dann sind seine Worte Lebensworte.

Ihr Kinder, ihr habt auch Lebensworte bekommen. Vielleicht denkt ihr: die Süßigkeit darin ist mir lieber. Aber wenn da z.B. das Wort steht: “Geliebtes Kind!” Und ihr euch klar macht, dass Gott das zu dir sagt. Dann ist das wirklich spitze!

Ich möchte uns als Predigttext aus dem Buch der Lebensworte nur einen Vers vorlesen: Johannes 6,68: Da antwortete ihm Simon Petrus: “Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens!”

Warum hat nur Jesus echte Lebensworte? Weil er selber das Leben ist, der Lebendige, der den Tod überwunden hat, der heute noch lebt!

Ein Vater fragt seinen kleinen Jungen, was er sich zum Geburtstag wünscht. Spontan antwortet der Junge: „Ein Pferd!” Erschrocken fragt der Vater zurück: „Aus Holz?” „Nein!” „Aus Metall?” „Nein!” „Aus Plastik?” „Nein!” „Ja, woraus dann?” Der Junge energisch: „Aus Pferd!” Das ist wahr, ein echtes Pferd kann nur aus Pferd selber sein. Alles andere wäre billiger Ersatz. Was wünschen wir uns? Ich wüsste etwas: Leben, ganzes, erfülltes Leben! Und wenn jemand zurückfragt: „Aus Arbeit?” „Nein!” „Aus Erfolg?” „Nein!” „Aus Idealen?” „Nein!” „Ja, woraus dann?” „Aus Leben!” Dieses Leben kann doch nur von dem kommen, der das Leben gibt, der das Leben ist, und der Worte des Lebens hat. Das hat Martin Luther kapiert. Wir wollen ja jetzt im Jahr des Reformationsjubiläums jeden Sonntag eine neue These anschlagen an die Tür der Schlosskirche zu Hohnhorst.

Heute ist es das Bekenntnis des Petrus: “Herr, du hast Wort des ewigen Lebens!”

Es gibt ein wunderbares Lied zu den Lebensworten, das heißt: “Deine Worte lass ich immer bei mir wohnen.”

Wenn wir diesem Lied ein wenig nachspüren, dann begreifen wir, warum die Worte von Jesus Christus Lebensworte sind. Warum Petrus zu Jesus das so gesagt hat: Du hast Worte des ewigen Lebens.

In diesem Lied heißt es:

Deine Worte lass ich immer bei mir wohnen,
deine Worte solln immer mit mir gehn.
Denn deine Worte sind Gold für mein Leben,
Orientierung auf dem Weg.
Es sind deine Lebensworte.

Hier hat jede Zeile Gewicht, ja, jedes Wort! Ganz am Anfang steht die Anrede: Deine Worte. Damit wird deutlich: Es ist ein Gebet. Wir reden nicht über Jesus, sondern mit Jesus. Das ist der Unterschied zwischen lebendigem Glauben und Religion. Über Religion oder Religionen kann ich unendlich viel reden, forschen, nachdenken, studieren, philosophieren. Auch über die christliche Religion. Und ich habe an der Universität in meinem Studium viele kennen gelernt, die bestens Bescheid wussten über die Religion. Und das ist ja auch gut. Man muss sich mit den Dingen beschäftigen. Aber Glaube ist mehr: nämlich eine Beziehung! Wir dürfen “Du” sagen zu Jesus. Da reden wir nicht über Gott und Jesus, sondern mit ihm. Weil wir ihm vertrauen. Weil wir spüren: Er ist da, nicht nur sonntags im Gottesdienst, sondern im Alltag. In der Schule, im Büro, beim Joggen, beim Kochen… Er lebt mit uns, ja in uns. Man könnte sagen: Glaube heißt: Jesus gehört mit zur Familie. Er wohnt bei uns. Deswegen ist es so schön formuliert: Deine Worte lass ich immer bei mir wohnen.

Das bedeutet so viel. Wenn Jesu Worte bei mir wohnen, dann geht das ja nur, wenn Jesus selbst bei mir wohnt. Und wohnen ist eben nicht nur: Ein Kurzbesuch. Der kommt und wieder geht. Solch einen Gast führt man auch nicht in alle Zimmer des Hauses. Sondern nur in das Zimmer, das schön aufgeräumt ist, das schön hergerichtet ist. Der Rest bleibt verschlossen. Der Gast geht ja auch schnell wieder. Mir scheint, manchmal sehen wir so den Glauben: Ja, in besonderen Momenten des Lebens ist Gott erwünscht, wenn ein Kind geboren wird, oder wenn das Weihnachtsfest ist, oder auch in einer schweren Zeit. Dann laden wir Gott ein zu uns. Aber dann ist auch wieder gut, dann kann er auch mal wieder gehen, bevor er zu viel Einfluss auf unser Leben nehmen könnte. Vielleicht so, als ob man ein bekanntes Tischgebet ein wenig abwandeln müsste: “Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast, und geh, wenn du uns gesegnet hast!” – Dieses Lied ermutigt uns, Jesus ganz einzuladen, bei uns zu bleiben, in uns zu wohnen, auch wenn die Zeit des Projektchores wieder vorbei ist. Und nach und nach wird Jesus auch in die versteckten und unaufgeräumten Kammern unserer Wohnung schauen. Und sich dann nicht entsetzt abwenden, sondern uns helfen, in unserm Leben aufzuräumen. Mit seinen Worten, die auch mal stören, die klären, die lehren. Deine Worte lass ich immer bei mir wohnen.  Der Liederdichter nimmt hier übrigens auch ein Bibelwort auf. Kolosser 3,16: Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen.

Nun gibt es ja aber auch so eine Haltung: Glaube, das ist Privatsache. Das geht keinen was an. Dass ich im stillen Kämmerlein an Gott glaube, das braucht keiner zu wissen. Ich lass ja gerne Gott bei mir wohnen. Ich brauche dazu keine Gemeinde und keinen Gottesdienst. Ich glaube in meiner Wohnung. Aber so ist es nicht. Deswegen geht das Lied weiter: Deine Worte solln immer mit mir gehn. Das heißt in meinen Alltag hinein. Auf allen meinen Wegen begleitet mich Jesus mit seinen Worten. Und das gibt mir Mut und Kraft. In der ersten Strophe heißt es dann:

Sie geben mir Mut für den nächsten Schritt.
Sie schenken Kraft, denn du gehst selber mit!

Auf so vielfältige Weise. Manchmal begegnen mir Jesu Worte auch in anderen Menschen, die mich ermutigen, die mich korrigieren, die mir helfen, mich begleiten.

So heißt es dann:

In deinen Worten, in andren Menschen gehst du mit.

Ich denke an einen Jungen aus Süddeutschland, den ich kenne. Mit 15 Jahren bekam der fröhliche, engagierte Junge nach einer längeren Zeit, wo er sich oft müde gefühlt hat, plötzlich die Diagnose: Leukämie, Blutkrebs! Der Arzt sagte 50:50, Tod oder Leben. Und dann war er am Boden. In seinem Zimmer im Krankenhaus. Und wusste nicht, was kommen wird. Und dann kamen Worte, Lebensworte. Seine Freunde aus dem Jugendkreis schrieben ihm alle massenweise Karten mit Ermutigungen und Bibelworten, die sein Vertrauen auf Gott gestützt haben und mit dem Versprechen: Wir beten für dich! Das hat ihm so aufgeholfen und Kraft gegeben, dass er ruhig wurde. Geborgen wie ein Kind in den Armen der Mutter. Er sagte: Wenn ich gesund werde, dann ist das ein Geschenk Gottes, und wenn ich sterbe, weiß ich: Ich bin bei Gott. Und damals wusste er noch nicht, dass er wieder gesund werden würde. So heißt es in der zweiten Strophe über die Lebensworte:

Sie helfen mir auf, wenn ich am Boden bin.
Sie führen mich dann wieder zu dir hin,
in deine Arme hin zu dir.

Lebensworte. Solche Worte sind wie Gold. Deine Worte sind Gold für mein Leben. Etwas, was nicht rostet, was Bestand hat! David dichtet es ganz ähnlich: Deine Worte sind köstlicher als Gold und viel feines Gold! (Psalm 19,11)

Und schließlich wollen Jesu Worte uns auch Orientierung geben für unser Leben. Das heißt auch, dass sie uns infrage stellen können, wenn wir auf einem falschen Weg sind. Sie fragen uns. So heißt es in der 3. Strophe:

Sie fragen mich, wie ich leben will,
was wichtig ist und auch nach meinem Ziel
in diesem Leben. Was treibt mich an? Was gibt Sinn?

Solche Fragen sind wichtig, denn sie bewahren uns davor, gedankenlos in den Tag zu leben.

Bevor Petrus sein Bekenntnis ablegt: Nur du, Jesus, hast Lebensworte, wird er auch gefragt. Jesus stellt den Jüngern die Frage: Wo wollt ihr hingehen? Wollt ihr auch weggehen? Euch abwenden von mir, wie so viele? Und diese Frage macht Petrus nachdenklich und er erkennt: Nein, ich will dir folgen, denn nur deine Liebe hält, nur du hast Worte des Lebens!

Amen.

 

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