Kein Vergleich!

Gottesdienst am Sonntag, 13.11.2016 (Volkstrauertag)

Thema: Kein Vergleich!

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Römer 8,18-25

 

Liebe Gemeinde,

man kann doch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen! Kennen Sie diesen Ausdruck?

Wenn man Dinge miteinander vergleicht, die überhaupt nicht zusammenpassen, die unvergleichlich sind. Man kann doch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, lieber Paulus, so ist man geneigt zu sagen, wenn man den heutigen Predigttext liest. Denn er vergleicht das Leben hier auf der Erde mit all seinem Leiden, mit aller Vergänglichkeit, mit allem Trauern – passend zum heutigen Volkstrauertag, mit aller Gewalt und Ungerechtigkeit, er vergleicht dieses Leben mit der künftigen Herrlichkeit des Himmels!

Lieber Paulus, du kannst doch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen! Oder sollte man sogar sagen: Äpfel mit Kartoffeln! Oder Kartoffeln mit Äpfeln! Das eine tief unten in der Erde, das andere weit oben im Himmel. Das kann man doch nicht vergleichen!

Ja, sagt Paulus, ihr habt Recht: Aber ich will beides vergleichen, um zu zeigen: Kein Vergleich! Das, was uns erwartet, ist so unvergleichlich, ist so unglaublich anders und herrlicher als wie uns je vorstellen können! Mit dieser Aussicht können wir auch das ertragen, was wir im Moment erleiden müssen und nicht verstehen. Hört zu, wie ich es damals der Gemeinde in Rom geschrieben habe, das gilt auch euch!

Wir hören den Predigttext aus Römer 8:

18 Ich bin ganz sicher, dass alles, was wir zurzeit erleiden, nichts ist, verglichen mit der Herrlichkeit, die Gott uns einmal schenken möchte.
19 Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.
20 Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung;
21 denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.
22 Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt.
23 Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.
24 Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht?
25 Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.
26 Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen.

 

1) Kein Vergleich: kaputte Welt – neue Schöpfung

Wenn wir unsere Welt und auch die Natur anschauen, dann ergibt sich doch oft ein recht zwiespältiges Gefühl. Wie erhaben, wir faszinierend, wie wunderschön ist die Natur doch einerseits! So sehr, dass manche sagen: “Ich finde Gott am meisten in der Natur. Ich brauch auch nicht zum Gottesdienst. Lieber gehe ich am Sonntagmorgen in den Wald. In der herrlichen Natur – da ist mir Gott am nächsten!” Ein Kollege sagt da immer: “Na wunderbar! Dann lassen Sie sich auch bitte vom Förster beerdigen.” Aber ist es nicht so? Es gibt doch kaum etwas Schöneres als einen Spaziergang durch einen sonnendurchfluteten Wald am Morgen, wo die Vögel zwitschern, dieser unvergleichliche herb-süßlich-würzige Duft von Waldboden in die Nase steigt? Oder wie ist es mit einer Bergwanderung durch die majestätisch schöne Welt der Alpen, vorbei an leuchtend blauem Enzian und purpurroten Alpenrosen, im Hintergrund die schneebedeckten Gipfel der 3000er. Und eine knuddeliges Murmeltier lunst neugierig hinter einem kleinen Felsen hervor. Da bleibt einem der Mund offen stehen vor Staunen über unsern großen Schöpfer. Und manche staunen so sehr, dass sie eher die Schöpfung anbeten als deren Schöpfer.

Doch andererseits: Wie ist diese ach so göttliche Natur auch ein Ort voller Kampf und Katastrophen! Voller Erschrecken und Entsetzen! Ein grausamer Kampf ums Überleben! Fressen und Gefressen werden lautet die Devise! Man merkt die Zwiespältigkeit der Natur ja bei fast jedem Tierfilm. Unser Daniel ist ein großer Naturfreund. Er hat immer sehr ausgefallene Lieblingstiere. Lange Zeit waren es Ameisenbären (finden Sie mal ein Ameisenbär-Kuscheltier!). (Jetzt seit neuestem sind Tapire hoch im Kurs.) Aber während seiner Erdmännchenphase haben wir so einen wunderschönen Erdmännchen-Film angeschaut. Mit großen leuchtenden Augen verfolgte er gebannt die lustigen Kerlchen bis – ja, bis dieser Raubvogel angeschossen kam und eins von den kleinen, possierlichen Tierchen grausam aus seiner Familie gerissen wurde und nun als Abendessen für die Adlerfamilie diente. Entsetzen pur bei unserm Daniel! Natürlich: Auch ein niedliches Adlerjunges will leben! Aber dennoch: Wie viel Grausamkeit und Brutalität gibt es in der Tierwelt! Was halten Sie davon, dass es Spinnen gibt, bei denen die Weibchen die Männchen nach der Paarung gezielt umbringen und auffressen? Wie die Schwarze Witwe.

Die Natur ist zutiefst zwiespältig. Bei aller Schönheit und Harmonie, die auf einen wunderbaren Schöpfer hinweisen, gibt es auch ungeahnte Gewalt und Bestialität. Paulus spricht vom “ängstlichen Harren der Kreatur”. Er sagt: Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt.

Und Paulus geht der Frage nach: Wie kommt das? Wie ist all die Widersprüchlichkeit zu erklären? Er hat keine wirkliche Erklärung dafür. Wir müssen nicht alles erklären. Manches gilt es auszuhalten. Aber er sieht ganz deutlich: Diese Welt, diese Schöpfung, wie sie ist, ist nicht so, wie Gott sie sich gedacht hat. Es gab einen Bruch. Einen tiefen Riss in der Schöpfung. Wie ja auch beim Menschen! Denken wir an den Sündenfall. Dass ja auch der Mensch – zu Gottes Ebenbild erschaffen – nicht mehr in Harmonie und Frieden mit Gott, seinen Mitgeschöpfen und sich selbst lebt.

Doch Paulus weiß: Der gegenwärtige Istzustand ist nicht das Ende. So bleibt es nicht in Ewigkeit. Diese kaputte, grausame, barbarische Welt wird vergehen. Es gibt eine neue Welt, eine Neuschöpfung. Wie die Offenbarung sagt: “Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.” (Offb. 21,1). Es gibt Hoffnung! Nicht nur für den Menschen, sondern für die ganze Schöpfung! Wenn Gottes Kinder den Himmel ererben, wird auch die ganze Welt erneuert.  Und das wird kein Vergleich sein zu dem, was wir jetzt erleben.

Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.

20 Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit (…), doch auf Hoffnung;
21 denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.

Was für ein Ausblick! Schon die Propheten ringen um die richtigen Worte und Bilder, um diese Hoffnung zu beschreiben:  Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten. (Jesaja 11,6). So märchenhaft diese Bilder wirken, sie sind mehr als ein Märchen, mehr als nur ein schöner Traum. Sie weisen darauf hin, dass Gott noch Großes vorhat mit dieser seiner Welt, dass seine Liebe zu dieser seiner Welt noch kein Ende hat, und dass seine schöpferische Kraft so groß ist, dass er aus dieser so kaputten Welt eine neue Welt erschaffen wird, und wir können uns darauf freuen!

Kein Vergleich: die kaputte Welt hier und die neue Schöpfung dann!

Doch nun das zweite. Nachdem wir nun über das Seufzen der Kreatur, der ganzen Schöpfung nachgedacht haben, jetzt die Frage: Wie ist es mit uns selbst? Wie ist es mit dem Menschen?

 

2) Kein Vergleich: leidende Menschen – erlöste Gotteskinder

Wie viel Leid gibt es unter den Menschen! Heute an Volkstrauertag sind uns ja die Opfer der Kriege besonders in Erinnerung gerufen. Nicht nur die Millionen Opfer der beiden Weltkrieg des vergangenen Jahrhunderts, sondern auch all die Opfer der Kriege unserer Zeit, und des Terrors und der Gewaltherrschaft in vielen Regionen dieser Erde. Und auch an die verfolgten Christen denken wir heute. Unsere Brüder und Schwester in so vielen Ländern. Wenn etwa in Nigeria Christen zusammen kommen in einer Kirche und Gottesdienst feiern, und dann kommen islamistische Horden über den Ort. Die Ausgänge der Kirche werden verschlossen und dann wird Feuer gelegt. Die Kirche verbrennt und mit ihr alle, die darin sind. Das ist Leiden! Uns solches Leiden kennt auch Paulus. Er hat selber Verfolgungen erlebt. Und dazu kommen noch die Leiden im ganz persönlichen Leben. Menschen, die an unheilbarer Krankheit leiden. Die nicht wissen: Wie lange habe ich noch auf dieser Erde? Wie viele Jahre schenkt mir Gott noch? Oder sind es nur noch Monate? Oder Wochen? Oder das Leiden, wenn der Tod eingetreten ist, und wenn ein geliebter Mensch gestorben ist. Und nun schauen die Angehörigen schmerzlich auf die Lücke, die er hinterlassen hat. Wie mir eine Witwe sagte: Ja, das ist der Sessel, da saß mein Mann immer. Und jetzt ist der Sessel leer. Und jetzt sitz ich allein in der Stube und schau auf den leeren Sessel!

So ist das mit dem Leiden! So sehr die ganze Schöpfung leidet, auch wir Menschen leiden nicht minder!

Aber Paulus sagt: Kein Vergleich! Leidende Menschen hier und erlöste Gotteskinder dort! Er sagt: Da ist eine Hoffnung! Auch wir werden frei werden von der Vergänglichkeit, von dem Leiden am Sterben, am Tod. Er sagt: Auch wir “seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.”

Ich werde erinnert an ein Erlebnis, das Pastor Johannes Busch (der Bruder des bekannteren Essener Jugendpastors Wilhelm Busch) aus der Kriegszeit erzählt hat:

 “Ich war als Soldat monatelang auf dem Kubanbrückenkopf. Es war eine böse Zeit. Unvergesslich der Tag, als mir gesagt wurde, dass ich in Urlaub fahren dürfe. Das war freilich eine beschwerliche Reise. Acht Tage lagen wir auf der Bahn, dichtgedrängt unter Gluthitze. Wir haben auf dieser Reise schrecklichen Durst gelitten. Die Nächte waren eine Qual. Aber wenn mir einer gesagt hätte, ich soll aussteigen um der beschwerlichen Reise willen, dann hätte ich ihn laut ausgelacht. Ich hätte ihm fröhlich erklärt: Ich reise gern noch vier Wochen so, ich reise ja nach Hause. Der Gedanke, dass es zur Heimat ging, machte alle Strapazen, Nöte und Qualen auf dieser Reise im Vergleich zu der wunderbaren Aussicht auf die Heimat ganz, ganz klein. Wenn die Nacht nicht vergehen wollte, dann eilten die Gedanken voraus: Ich reise nach Hause, ich reise nach Hause!”

Es ist für mich ein wunderbares Bild für unsere Lebensreise. So wie Johannes Busch auf dieser elend langen Zugfahrt wirkliche Qualen erlitten hat, eingequetscht und eingezwängt zwischen schwitzende und stinkende Kameraden unter der Gluthitze, so sind wir unterwegs auf der Reise des Lebens, die auch für manche mit großen Qualen verbunden ist. Die geht länger als acht Tage. Die geht länger als vier Wochen. Die geht ein ganzes Leben. Sicher, auf dieser Zugfahrt durch das Leben gibt es immer wieder auch schöne Augenblicke. Man fährt durch herrliche Landschaften und unvergessliche Erlebnisse. Und doch ist es für viele eine beschwerliche, und für manche sogar eine qualvolle, leidvolle Fahrt. Aber was sind alle Beschwernisse und Leiden dieser Reise im Vergleich zum Ziel, wo es hingeht! Wir reisen doch nach Hause! In die Heimat, zum Himmel, in Gottes neue Welt. Ich glaube, das kann doch tatsächlich so sein, wie Johannes Busch es auf seiner Fahrt erlebt hat, dass man mitten in den Leiden der Reise allein durch diese Aussicht auf das Ziel so viel Trost, ja, sogar Freude empfindet, weil man weiß, wo die Reise hingeht. Wie es im Lied heißt: “In dir ist Freude in allem Leide.” Wir wissen wie Johannes Busch: Es ist eine Reise mit Ziel. Nicht eine Reise ins Nirgendwo zum St. Nimmerleinstag, wo es kein Ziel gibt, nur Utopien (“= Nicht-Orte”), sondern ich weiß: Am Ziel, in der Heimat, da wartet jemand auf mich, da ist meine Familie, die mich mit offenen Armen empfängt. So bei Johannes Busch. Und auch bei uns: Mein Vater, mein Vater im Himmel erwartet mich mit offenen Armen. Da ist mein Bruder Jesus Christus, der mich in die Arme schließen will. Da sind all die Geschwister, die mir vorausgegangen sind auf dem Weg des Glaubens, die vor mir das Ziel schon erreicht haben. Es geht nach Hause! Das wird ein Fest! Dieses Fest – das ist doch kein Vergleich zu all dem, was bis dahin noch zu ertragen und zu erleiden ist.

 

3) Kein Vergleich: unsre Schwachheit – Gottes Beistand

Ja, dann heißt es hier bei Paulus: Auch in unserm Glauben und Beten kommen wir an unsere Grenzen. Auch ein frommer Christenmensch erlebt Zeiten der Schwachheit und Verzweiflung. Es gibt Situationen, in denen wir an die Grenzen unseres Glaubens kommen. Und an die Grenzen unserer Hoffnung. Ich habe von einem begnadeten Gottesmann gehört. Ein alter Pastor, der zeitlebens vielen Trost und Hoffnung gebracht hat durch seine Predigten. Am Ende seines Lebens lag er auf dem Krankenbett, schwer von Krankheit und Schmerzen gezeichnet. Schmerzen, die kaum noch auszuhalten hatte. Und dieser Mann bekam Besuch. Und dann sagte er zu dem Besucher: Ich bin zu schwach zum Beten. Du musst es für mich tun! Und dann kniete sich der Besucher hin und betete für den alten, schwachen Glaubensmann. Das kann es geben, dass wir manchmal selber keine Worte mehr finden und keine Kraft mehr finden zum Beten. Aber genau dann, dann ist Gottes Beistand besonders stark. Da steht uns jemand zur Seite. Und auch wenn es kein Mensch ist, der uns besucht und für uns betet, dann ist es Gott selber durch seinen Geist. Da sagt Paulus: Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen.

Gottes Geist selber betet für uns, seufzt für uns, macht sich eins mit unserm eigenen Seufzen! Und wir sind von ihm getragen und gehalten. Was für eine Geborgenheit! Kein Vergleich: unsere eigenen Kräfte, die so schnell in Schwachheit umschlagen können – und Gottes Kraft, die unerschöpflich ist. Die Kraft seines Geistes in uns, auch wenn wir nichts davon spüren. Er trägt dich, auch wenn du ganz am Ende bist.

Am Anfang haben wir gesagt: Man kann doch nicht Äpfel mit Kartoffeln vergleichen! Das eine hoch oben am Himmel, das andere tief unten im Dreck der Erde. Aber doch gehört beides irgendwie zusammen: Himmel und Erde. Denn noch sind wir ja nicht im Himmel, noch sind wir hier auf der Erde.

Ich weiß nicht, ob sie das kennen: “Himmel und Erde”  – so ist auch der Name eines Essens. Ein interessantes, traditionelles Essen, manche mögen es sehr gerne. Aus Kartoffelpüree und Apfelmus. Die Kartoffeln stehen für die Erde, die Äpfel für den Himmel. Beides wird miteinander verbunden. Für mich ist das ein Bild, wie in diesem Leben Himmel und Erde zusammengehören. Und wie wir jetzt auf der Erde schon den Himmel im Herzen haben können. Und daraus Kraft schöpfen für Zeiten des Leidens, aber auch für unsern Einsatz für andere, die leiden – an Krankheit, an Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Unfrieden und Verfolgung. Denn wir wissen:

dass alles, was wir zurzeit erleiden, nichts ist, verglichen mit der Herrlichkeit, die Gott uns einmal schenken möchte. Kein Vergleich!

Amen

 

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