Ist da jemand?

Gottesdienst zur Konfirmation in der Martins-Gemeinde am Sonntag, 23.04.2017

Thema: Ist da jemand?

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

 

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Familien, liebe Festgemeinde,

als Jugendlicher habe ich mal mit drei Jungs aus der Jungschargruppe unserer Gemeinde eine zünftige Fahrradtour unternommen. Einfach so ins Blaue hinein. Mit Campingkocher, Zelt und Übernachten. Als der Abend kam, da machten wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz. Wir fuhren einfach einen einsamen Waldweg tief in einen Wald hinein und schlugen dann unser Zelt auf. War ‘ne dolle Sache! Ich erzählte den Kids noch eine gruselige Geschichte. Dann kam die Nacht. Es war schon lange nach Mitternacht, als wir plötzlich von komischen Geräuschen geweckt werden. Um uns herum lautes Knacken von  Ästen, Zweigen. Da! Ein Rascheln, was sich anhört wie Schritte. Um diese Zeit?? Das kann doch nur ein Mörder sein! Uns klopft das Herz. Minuten später. In der Ferne so was wie Motorengeräusche. Die kommen näher. Ein Auto? Tatsächlich! Auf einmal fährt das Auto dicht an unser Zelt. Die Scheinwerfer tauchen unsere Zeltwand in ein gespenstisches Licht. Gleich hat unser letztes Stündchen geschlagen. Bestimmt eine Schmugglerbande! Die Russenmafia! Das Auto verschwindet wenige Sekunden später. Unser Puls rast. Wir haben Angst. Irgendwann halten wir es nicht mehr aus. Leise schleichen wir den Waldweg zurück bis zum Rand des Dorfes. Dort ein Haus. Wir müssen Hilfe holen. Wir klingeln. Keiner öffnet. Wir schleichen ums Haus. Durch den Garten. Und dann rufen wir laut: “Hallo! Ist da jemand? Hilfe! … Ist da jemand?” Menschenskinder, da muss doch jemand sein! Nachts halb zwei. Tatsächlich! Ein Fenster öffnet sich. Empörte Stimmen: “Haltet sofort die Klappe, oder ich ruf die Polizei!” – “Aber, aber”, widerspreche ich, “da…, da war so ein komisches Auto an unserm Zelt. Vielleicht ein Mörder… Können wir bei Ihnen im Garten schlafen?” – “Bei euch piept’s wohl! Das war der Förster, ihr Deppen!” – Hm, stimmt, das war’s wohl. Kleinlaut, aber doch beruhigt zogen wir wieder ab.
“Ist da jemand?” haben wir damals in der Nacht verzweifelt gerufen. Ich weiß nicht, welche Situationen es bei dir schon gab, in denen du Angst hattest. Vielleicht waren es viel ernstere Momente. Vielleicht hattest du auch das Gefühl, du musst einfach mal in die Nacht brüllen: “Ist da jemand? Hallo? Hört mich denn keiner?” Vielleicht ist es aber gar nicht die Angst, die dich fragen lässt: Ist da jemand?, sondern etwas anderes: Einsamkeit, Traurigkeit, oder eine tiefe Sehnsucht.

Ein neues Lied läuft da im Moment im Radio, von Adel Tawil. Er fragt auch: Ist da jemand?

“Es fühlt sich an, als wärst du ganz alleine. Auf deinem Weg liegen riesengroße Steine.” So heißt es in der 1. Strophe des Songs. Mit dem Song wolle er “das Lebensgefühl einer Generation beschreiben, deren Welt aus den Fugen geraten zu sein scheint”, heißt es auf der Seite seiner Plattenfirma. “Adel Tawil beschreibt die Hoffnung, den Glauben und die Zuversicht, dass es besser werden könnte. Dass es in Zeiten von oberflächlichen und unverbindlichen Beziehungen, jemanden gibt, der auf uns wartet und für uns da ist.”
Ich denke in der Tat: In diesem Lied sind Gefühle angesprochen, die ihr gut kennt, die aber genauso auch wir Erwachsenen kennen. Ist da jemand, der mich wirklich im tiefsten versteht, mich kennt, mich liebt?

Heute ist allerdings ein Festtag, wo man sich doch solche Fragen gar nicht stellt, oder? Heute ist doch nur Feiern und Fröhlichkeit angesagt, oder? Aber auch diese Situation nimmt das Lied auf: “Um dich rum lachende Gesichter.” – Ja, das gibt es ja, dass alle gut drauf sind, Party ist angesagt, gute Stimmung. “Die Welt ist laut, doch dein Herz ist taub…”, heißt es weiter. Ja, das gibt es auch: Alle sind gut drauf, und man selber lacht mit, doch irgendwie gibt es da doch diese Leere tief innendrin.

Vielleicht haben heute sogar auch manche Eltern so ein komisches, flaues Gefühl im Bauch, wenn sie sehen: Jetzt wird mein Kind konfirmiert… Hab ich es nicht eben noch auf dem Arm getragen? Windeln gewickelt? Mit ihm Fahrradfahren gelernt? Wo ist die Zeit hin? Wie saust mein Leben dahin! Was wird die Zukunft bringen?

Egal, ob Erwachsener oder Konfirmand: Der Konfirmationsspruch, den einige von euch sich ausgesucht haben, aus Josua 1,9, der ist wirklich eine passende Antwort auf diese Fragen: Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst.

Das sagt uns Gottes Wort, die Bibel. Da ist also jemand, der wirklich immer bei uns ist. Gott ist bei uns. Allerdings: Ganz ehrlich, auch wenn wir das nun schon oft gehört haben, dass Gott uns liebt, aber manchmal spüren wir das nicht so recht. Da kommen Zweifel auf. Wo ist er denn? Und dann wünschten wir uns das, dass mit der Bibel das passiert, wie mit dieser Buchseite auf dem Titelblatt des Liedblattes. Dass da diese Seite plötzlich lebendig wird, dass Gott selber heraustritt aus den Wörtern und Buchstaben, dass er uns umarmt als guter Freund, als liebevoller Vater oder Mutter, dass er greifbarer wird. Das wär doch was! Dass Gott nicht nur ein Gedanke ist. Sondern einer von uns.

Und genau das hat sich Gott auch gedacht! Und deshalb hat er gedacht: Ich will rauskommen aus diesem Bibelbuch, ich will Mensch werden. Und darum ist Jesus gekommen. Gottes Sohn. Gott als Mensch. Gott mitten unter uns Menschen. Jesus konnte man sehen, hören, berühren. Die Jünger, die Freunde von Jesus damals, die konnten mit ihm zusammen gehen, er hat seinen Arm liebevoll um sie gelegt, wenn sie traurig waren. Nun denkst du: Ja, aber das erleben wir eben auch nicht mehr! Stimmt, aber dennoch gilt: Auch heute noch ist Jesus da. Mitten unter uns. Mitten im Leben.

Ich habe euch ein Bild mitgebracht. Es heißt “Invisible man”. “Der unsichtbare Mann”. Man denkt: Ist da jemand? Da steht jemand in Venedig. Aber durch Bodypainting ist er so angemalt, dass man ihn eigentlich gar nicht gleich erkennen kann. Aber er ist da. Eindeutig. Da gibt es ganz dolle Kunstwerke. Hier zum Beispiel (Herbstlandschaft). Ist da jemand? Wer kann hier jemanden erkennen? Auch dieses Bild finde ich beeindruckend (Papagei:) Ist da jemand? Ob es sowas auch in Hohnhorst gibt? Hier ist unsere schöne Martins-Kirche gestern Nachmittag. Ist da jemand? Okay, etwas leichter ist es zu erkennen. Wer ist da? Felix! Den erkennt man eben doch schneller! Hier sieht man ihn mitten in der Aktion, und so sah er noch am Anfang aus. (Ich hatte erst den Gedanken, es wär vielleicht schicker, wenn er seinen Konfirmationsanzug angehabt hätte, aber den Gedanken hab ich dann doch verworfen.).
Aber es ist doch spannend. Bei all diesen Bildern: Da ist jemand. Aber wir können ihn nicht gleich erkennen. Ihr Lieben, das ist für mich ein Gleichnis. Ein Gleichnis für Gott, für Jesus.

(Inzwischen kommt Tjedo als alter Mann nach vorne…)

Oh! Tjedo! Meine Güte, du bist ja ganz schön gealtert. Na ja, so mit diesem Konfirmandenjahrgang, das nimmt einen schon ganz schön mit… Da siehste alt aus! Jetzt versteh ich, warum du nicht mehr Jugenddiakon sein willst…

Tjedo (nimmt Perücke ab): Nö, aber ich wollte einfach mal die Perspektive wechseln. Mal schauen: Wie ist das, wenn man als alter Mensch eine Konfirmation betrachtet. Ich glaube: Selbst wenn man alt ist, da wird man dann doch wieder richtig jung.
Wie? Und du warst die ganze Zeit da? Du warst mitten unter uns, und wir haben es nicht gemerkt? Unglaublich! Aber du hast uns etwas Wichtiges gelehrt! Danke, Tjedo!

Denn ich glaube, so ist das mit Gott. So ist das mit Jesus. Er ist da, mitten in unserem Leben. Auch wenn wir das oft gar nicht so merken, auch wenn wir ihn oft nicht erkennen. Aber oftmals merken wir im Nachhinein: Ja, da war Gott da gewesen! Da hat er mir geholfen. Da war er bei mir, gerade in der schweren Zeit, wo ich ihn nicht verstanden habe, wo ich an ihm gezweifelt habe, wo ich ihn vielleicht sogar verflucht habe, aber irgendetwas hat mir Kraft gegeben, nein, nicht irgendetwas: Er! Er war da. Die ganze Zeit.
Wir sind eine Woche nach Ostern. In der Bibel lesen wir eine Geschichte von zwei Freunden Jesu, auch in der Zeit direkt nach Ostern. Die beiden waren nach der Kreuzigung auf dem Weg nach Hause, nach Emmaus. Völlig verzweifelt, am Boden zerstört. Jesus, ihr Freund, ihre Hoffnung, war tot! Und wir lesen:

15 Während sie sich unterhielten und nachdachten, kam Jesus selbst hinzu und ging mit ihnen.
16 Aber sie – wie mit Blindheit geschlagen – erkannten ihn nicht.

So geht es uns auch oft. Er geht mit, doch wir sind oft blind und erkennen ihn nicht. Ist da jemand?
Ist da jemand, der mein Herz versteht?
Und der mit mir bis ans Ende geht?
Ja, da ist jemand! Der mitgeht. Jesus begleitet die beiden bis nach Hause.  Inzwischen waren sie kurz vor Emmaus, und Jesus tat so, als wolle er weitergehen.

29 Deshalb drängten ihn die Jünger: »Bleib doch über Nacht bei uns! Es ist spät und wird schon dunkel.« So ging er mit ihnen ins Haus.
30 Als Jesus sich mit ihnen zum Essen niedergelassen hatte, nahm er das Brot, dankte Gott dafür, brach es in Stücke und gab es ihnen.
31 Da wurden ihnen die Augen geöffnet: Es war Jesus. Doch im selben Moment verschwand er, und sie konnten ihn nicht mehr sehen.
32 Sie sagten zueinander: »Hat es uns nicht tief berührt, als er unterwegs mit uns sprach und uns die Heilige Schrift erklärte?«
Er ist da, und wir haben es nicht gemerkt.

Ich wünsche euch, dass ihr auch erlebt: Da ist jemand, da ist Jesus, der euern Weg mitgeht bis ans Ende.

Damit es euch nicht so ergeht wie in jener Begebenheit, die ich mal gelesen habe: Zwei Forscher waren in der Sahara unterwegs. Sie hatten sich irgendwie verirrt, und nun war ihr Wasservorrat aufgebraucht. Sie waren verzweifelt. Am Verdursten. Sie schrien zum Himmel: Ist da jemand? In ihrer größten Not wandten sie sich – obwohl sie nicht gerade gläubig waren – an Gott, sie beteten: “Gott, wenn es dich gibt, dann rette uns! Lass uns Wasser finden! Wenn du das tust, dann werden wir an dich glauben.” Und – es dauerte nicht lange, da trafen sie einen Beduinen. Der half ihnen, er gab ihnen Wasser. Sie überlebten. Jahre später begegneten sich die Forscher wieder. Und da fragt der eine den andern: “Und? Weißt du noch? Damals? Was ist draus geworden bei dir. Glaubst du jetzt an Gott, zu dem wir in der höchsten Not gebetet haben?” – “Nö, sagt der andere. Gott hat uns doch nicht geholfen. Es war doch der Beduine.”

Möge Gott uns die Augen öffnen: Dass wir erkennen, wie er bei uns ist, wie Jesus uns begleitet. Wie er immer da ist, auch wenn wir ihn nicht sehen. Und ich wünsche euch und uns allen: Dass wir uns immer wieder neu diesem Freund anvertrauen. Dass wir unsern Weg mit ihm gehen. Denn: Da ist jemand! Da ist Jesus!

Amen.

Und hier nun noch mal das Lied: “Ist da jemand?” in einer ganz speziellen Konfi-Version. Extra für euch!

So ein Fest! Viele sind gekommen!
Du bist hier. Und du hast viel gewonnen.
Schau mal zurück, so mancher Augenblick:
So viel erlebt, mit Lachen, Beten, Singen!
Und mit viel Spaß; aber dann vor allen Dingen
hast du entdeckt, dass Gott dich liebt,
dass der Himmel voller Farben ist
und dass dein Leben so voller Gaben ist.

Da ist jemand, der dein Herz versteht!
Und der mit dir bis ans Ende geht!
Da ist jemand, der noch an dich glaubt!
Da ist jemand! Da ist jemand!
Der dir den Schatten von der Seele nimmt!
Und dich sicher nach Hause bringt!
Da ist jemand, der dich wirklich braucht!
Da ist jemand! Da ist jemand!

Um dich rum lachende Gesichter.
Und du spürst, du kommst Gott immer dichter.
Er ist dir nah, immer für dich da.
Ihr wart bei BAM, in Krelingen auf Freizeit,
auch hier gibt’s viel, wo ihr mit dabei seid.
Und Ascheberg: Denk dran, wie cool das war!
Dass der Himmel voller Farben ist
und dass dein Leben so voller Gaben ist.

Da ist jemand, der dein Herz versteht!
Und der mit dir bis ans Ende geht!
Da ist jemand, der noch an dich glaubt!
Da ist jemand! Da ist jemand!
Der dir den Schatten von der Seele nimmt!
Und dich sicher nach Hause bringt!
Da ist jemand, der dich wirklich braucht!
Da ist jemand! Da ist jemand!

      
Die Konfa-Zeit ist nun vorbei.
Doch  jetzt geht’s erst richtig los
Jesus macht dein Leben neu,
Seine Liebe ist so groß!
Er ist da an jedem neuen Tag
Weil du weißt, dass die Stimme …
Die Stimme zu dir sagt

Da ist Jesus, der dein Herz versteht
Und der mit dir bis ans Ende geht
Wenn du selber nicht mehr an dich glaubst
Dann ist da Jesus, ist da Jesus!
Der dir den Schatten von der Seele nimmt
Und dich sicher nach Hause bringt
Immer wenn du es am meisten brauchst
Dann ist da Jesus, ist da Jesus!
Da ist Jesus, der dein Herz versteht
Und der mit dir bis ans Ende geht
Wenn du selber nicht mehr an dich glaubst
Dann ist da Jesus, ist da Jesus!
Der dir den Schatten von der Seele nimmt
Und dich sicher nach Hause bringt
Immer wenn du es am meisten brauchst
Dann ist da Jesus, ist da Jesus!
Dann ist da Jesus, ist da Jesus!

 

 

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