Happy Birthday, Kirche

Gottesdienst am Sonntag, 15.05.2016

Thema: Happy Birthday, Kirche

Text: Apostelgeschichte 2,1-18

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Liebe Gemeinde,

Geburtstagsanzeigen in der Zeitung, bei der das Geburtstagskind über den grünen Klee gelobt wird – das kann ja jeder! Wie wäre es mal mit einem erfrischend ehrlichen Text? So dachte sich Sandra Zacker beim 18. Geburtstag ihres kleinen Bruders. Und so erschien vor ein paar Wochen in der Westfalenpost Siegen folgende Anzeige: “Lukas ist 18! Bleib so wie du bist, chille und zocke so oft es geht, lass alle Klamotten auf dem Boden liegen, sammle leere Flaschen, Geschirr und Gläser auf dem Schreibtisch, helfe nicht im Haushalt und mähe bloß nicht den Rasen! Nur so lieben wir dich! Alles Gute wünschen dir Mama, Papa, Sandra, Dominik und Alexander.” Der arme Lukas hat’s mit Humor genommen. “Stimmt ja auch”, meinte er, “aber ganz so schlimm bin ich doch nicht.”

Es gibt schon durchaus originelle Ideen, wie man einem Geburtstagskind eine Freude macht. Kann man im Internet einiges finden. Wie wär’s z.B. mit einem Reptilien- und Insekten-Kochkurs ab 64 €? Ein anderer Geburtstag in diesem Jahr, vor ein paar Wochen, wurde etwas aufwändiger gewürdigt: Mit einer riesigen Pferdeshow mit 900 Pferden und 1.500 Mitwirkenden vor 5.000 geladenen Gästen. Auf dem Gelände von Schloss Windsor. Der 90. Geburtstag der Queen.

Heute ist auch Geburtstag. Geburtstag der Kirche. Allerdings – eine etwas seltsame Geburtstagsfeier. Denn kaum jemand weiß mit Pfingsten etwas anzufangen. Schon der Dichter Bertolt Brecht dichtet in seinem Kinderalphabet: „Pfingsten / sind die Geschenke am geringsten / während Ostern, Geburtstag und Weihnachten / was einbrachten.“ Von den großen christlichen Festen und Feiertagen bedeutet uns Pfingsten am wenigsten. Nicht nur der bedauerliche Umstand, dass es keine Geschenke gibt, stellt dieses Fest ein wenig ins Abseits. Sondern vor allem, weil uns die Bedeutung abhanden gekommen ist – dass es hier eigentlich um eine riesige Geburtstagsparty geht. Fast 2000 Jahre Kirche feiern wir. Und wir sind eingeladen mitzufeiern.

Wir wollen Pfingsten heute als Geburtstag feiern – und dabei einiges neu entdecken:

Das Geburtstagskind

Die Geburtstagskerzen

Das Geburtstagsgeschenk

 

1) Das Geburtstagskind

Das Geburtstagskind, liebe Gemeinde, das ist die Kirche. Und es ist daher heute an Pfingsten wirklich ein guter Zeitpunkt, einmal zu fragen: Was ist eigentlich die Kirche? Der Name ist schon mal sehr aufschlussreich. Das Wort “Kirche” kommt aus dem Griechischen “kyriake” – und das heißt: “zum Herrn gehörig”. Das ist also überhaupt das Wesensmerkmal von Kirche – und ich rede hier nicht von Gebäuden oder von einer Organisation oder einer Institution – all das gab es beim 1. Pfingstfest damals in Jerusalem noch nicht! Sondern ich rede von Kirche als Gemeinschaft der Christen, als Gemeinde Jesu. Und da gibt es nur eins, was Kirche definiert: zum Herrn gehörig! Wir gehören zu Jesus Christus. Und Jesus Christus gehört zu uns. Darum geht’s! In unseren heutigen Kirchen ist man gewohnt, viel über Politik zu hören oder Events zu erleben oder manche Aktivität und Veranstaltung durchzuführen oder kirchliche Kindergärten und Diakonie-Krankenhäuser zu unterhalten. All das kann sicher auch dazu gehören – aber es ist doch nicht das Zentrum! Und es ist armselig, wenn es bei all den Dingen nicht mehr um den Herrn geht, um Jesus! Lassen wir uns heute am Geburtstag der Kirche wachrütteln: Kirche ist nur Kirche, wenn sie zu Christus gehört, wenn Jesus der Mittelpunkt ist! Und so soll es auch in der Martins-Gemeinde sein.

Und aus der Verbindung zu Jesus ergibt sich automatisch auch unser Auftrag. Den hat Jesus so formuliert: “Wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch.” (Johannes 20,21) Nur dann können wir zu Christus gehören, wenn wir auf ihn hören. Und damit wird klar: Kirche kann sich niemals nur um sich selbst drehen. Sondern – wie Dietrich Bonhoeffer es auf den Punkt gebracht hat – “Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.”

Und genauso ist es gleich beim 1. Pfingstfest gewesen. Kaum war Kirche geboren, ging es raus. Auf die Straßen und Marktplätze von Jerusalem. Was haben wir vorhin gelesen: “Sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen…” (Apg. 2,4), und zwar geschieht dabei dieses Sprachenwunder, dass all die Menschen aus aller Herren Länder sich in ihrer Sprache angesprochen fühlen. Das ist doch nicht irgend ‘ne spektakuläre Show, die hier abgezogen wird, sondern eine Vorwegnahme der Weltmission! Das, was Jesus kurz zuvor den Jüngern gesagt hat: “Gehet hin in alle Welt, machet zu Jüngern alle Völker”, das wird hier schon mal zeichenhaft vorweggenommen! – Passiert nicht das gleiche in unseren Tagen? Der Missionsauftrag gilt doch auch uns “Gehet hin in alle Welt!”, aber so viele Länder sind für das Evangelium verschlossen. Insbesondere islamische Länder. Und man hat kaum eine Chance, dort das Evangelium weiterzusagen. Und was passiert? Wenn wir nicht dorthin gehen können – na sowas!, da kommen diese Menschen einfach zu uns! Wenn wir nicht in die Welt gehen können, kommt die Welt zu uns! Hat Gott sie geschickt? Aus Syrien, Iran, Irak, Afghanistan kommen sie, und, und, und. Und wenn wir echt Kirche sind, zum Herrn gehörig, dann haben wir hier einen Auftrag: Diesen Menschen, die zu uns kommen, in der Liebe und Freundlichkeit Jesu zu begegnen und ihnen dadurch das Evangelium zu bezeugen. In Tat und Wort. So ist Kirche, unser Geburtstagskind.

Apropos Geburtstag – da muss ja jemand mal geboren sein. Die Kirche ist also damals, beim 1. Pfingstfest geboren. Aber wie? So wie jeder einzelne Christ geboren wird. Und wie das geht, hat Jesus sehr einfach beschrieben im Gespräch mit Nikodemus in Johannes 3,5: “Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.” Und genau das gleiche entdecken wir am 1. Pfingstfest in Jerusalem. Als nämlich die Menschen die Jünger predigen hörten, da fragten sie: “Was sollen wir tun?” und Petrus antwortete (Apg. 2,38): “Tut Buße und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes.” – Taufe und Heiliger Geist. Geboren werden aus “Wasser und Geist”. Das macht uns zu Christen. Nur, was genau bedeutet das eigentlich? Es sind die zwei Seiten einer Medaille:

– Wasser/Taufe: steht ursprünglich für die Abkehr, vom alten Leben ohne Gott. Deswegen “Tut Buße!”. Wir brauchen Vergebung, Befreiung aus dem ständigen Auf-uns-selbst-Bezogensein.

– Geist/Heiliger Geist: steht für Hinwendung zum neuen Leben. Veränderung, das will Gottes Geist als Kraft in uns bewirken. Bewegung, Dynamik, Erneuerung.

Das alte Leben lassen, neues Leben bekommen – das bedeutet “neu geboren werden”. Und wer das erlebt hat, der kann neben seinem normalen Geburtstag noch seinen “geistlichen Geburtstag” feiern. Und weil dies am 1. Pfingstfest in Jerusalem tatsächlich zum ersten Mal in großem Umfang geschehen ist: 3000 Menschen ließen sich taufen und empfingen den Heiligen Geist als Gottes Kraft – deshalb ist dieser Tag die Geburtsstunde der Kirche. Und wir feiern heute Geburtstag für dieses Geburtstagskind Kirche.

 

2) Die Geburtstagskerzen

Eine Geburtstagstorte mit den Geburtstagskerzen – das gehört doch irgendwie zu einem Geburtstag dazu. Bei unseren Kindern gibt es immer eine Torte mit einem passenden Thema, was die Kinder gerade bewegt. Bei einem war es mal Afrika gewesen. Und da machte Christiane also oben eine Schicht grünen Wackelpudding – so als Savannengras – und dazu gab es dann Elefanten, die wir aus Marzipanmasse geformt hatten. Die stellten wir oben drauf. Problem: Der Wackelpudding wurde nicht so recht fest, und am nächsten Morgen waren die Elefanten versunken, dass nur noch die Ohren rausguckten. Der Anblick war doch recht getrübt. Aber die Kerzen darauf, die leuchteten trotzdem hell und fröhlich, und irgendwie war es dann doch eine recht lustige Torte!

Wenn wir die Pfingstgeschichte sehen, dann scheint es fast, als ob Gott zum Geburtstag der Kirche auch eine Torte gebacken hat. Zumindest sind da die Geburtstagskerzen: Die Jünger selbst sind es. Wir lesen: 3 Zugleich sahen sie etwas wie züngelndes Feuer, das sich auf jedem Einzelnen von ihnen niederließ.

Das muss ein sehr seltsamer Anblick gewesen sein! Und wie man sich das genau vorstellen muss, ich weiß es nicht. Ich stell es mir schon so ähnlich vor wie Kerzen. Es war ein Wunder. Und zugleich ein Zeichen, ein Hinweis. Ihr seid die Kerzen auf der Torte! Ihr seid das Licht der Welt – so hatte es Jesus ja schon selber zu den Jüngern gesagt (Mt. 5,14). Und dieses Licht kommt aber nicht aus euch selbst! Sondern nur durch Gottes Geist. Er entzündet die Kerzen auf der Torte. In der Bibel wird der Geist Gottes oft mit Feuer und mit Wind in Zusammenhang gebracht. Beides ist Energie! Das Volk Israel wird nach dem Auszug aus Ägypten durch eine Feuersäule in der Nacht und eine Wolkensäule bei Tag geleitet. Im brennenden Dornbusch begegnet Gott dem Mose. Der Heilige Geist ist ein Feuer, was leuchtet, was wärmt, was alles Unreine in uns verzehrt, was uns aber nicht zerstört. Möge Gott auch unserm Glauben und unserm Leben neues Feuer geben! Dass wir für ihn brennen, ohne dabei auszubrennen. Dass wir alle leuchtende Kerzen auf der Geburtstagstorte der Kirche sind! Und vielleicht geht es dir so, dass deine Flamme nur noch ganz schwach züngelt. Der Docht vielleicht nur noch glimmt. Sei nicht verzweifelt, sei nicht traurig. Denn dann gilt dir die Verheißung aus Jesaja 42,3: “Den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen!” Ein großartiger Zuspruch. Gott braucht für seine Torte nicht Christen, die ein glänzendes Feuerwerk präsentieren. Ich brauch nicht das hellste Licht auf seiner Torte zu sein. Auch ein glimmender Docht gehört mit dazu. Vielleicht kann das heutige Pfingstfest dem glimmenden Docht wieder neues Feuer des Glaubens einhauchen…

 

3) Das Geburtstagsgeschenk

Was wäre ein Geburtstag ohne Geburtstagsgeschenk! Wie hatte Brecht es formuliert: “Pfingsten sind die Geschenke am geringsten!”? Mitnichten! Denn Gott gibt dem Geburtstagskind, seiner Kirche, und damit uns – die wir dazu gehören – ein großartiges Geschenk: seinen Heiligen Geist!

Tja, das klingt allerdings erst mal nicht sehr greifbar. Irgendwie so unsichtbar – und leider, wenn wir ehrlich sind, oft auch unspürbar, oder? Ich sag es ganz offen: Auch ich selber wünsche mir das manchmal noch mehr, dass ich die Kraft des Heiligen Geistes noch stärker spüren kann. Da hab ich schon eine Sehnsucht danach: mehr von Gottes Geist in meinem Leben! Und doch: Ich glaube an das Geschenk des Heiligen Geistes, Gottes Kraft und Macht in uns und in dieser Welt. Und ich habe auch schon erlebt, wie diese Kraft Menschen verändert. Ich denke an einen ehemaligen Drogenabhängigen in Krelingen. Kaputter Typ. Ohne Hoffnung und Zukunft. Und er hat zum Glauben gefunden, und Jahre später war er der Leiter eines christlichen Freizeitheims. Hatte einen alten Bauernhauf umgebaut und ein Freizeitheim daraus gemacht. Hab dann selber mit der Jungschar ein paar Mal da Freizeit gemacht. Dolle Sache! Was Gottes Geist schafft!

Gottes Geist ist am Wirken. Auch heute. Auch bei uns. Wir dürfen nicht nur auf spektakuläre Dinge warten, auf besondere Krankenheilungen und solche Dinge. Das kann es auch geben. Aber das ist nicht in der Hauptsache das Wirken des Heiligen Geistes. Sondern er wirkt mehr im Alltag: gibt Trost, wo einer untröstbar und traurig ist. Er bewirkt Engagement, wo Menschen auf andere zugehen, anpacken, wo Hilfe nötig ist. Er bewirkt Mut, mit Menschen zu reden, deren Sprache man nicht versteht. Wie jetzt mit den Haster Flüchtlingen. Dass man einfach mal hin zum Sprachkurs geht jeden Mittwoch um 10 Uhr im Bürgerhaus. Ich geb’s zu: Ich war auch am Anfang ein bisschen aufgeregt. Aber das ist so schön mit unseren Gästen, auch wenn man am Anfang kein Wort voneinander versteht – man versteht sich trotzdem. Das ist auch so ein bisschen wie Pfingsten. Gottes Geist schenkt auch Freude, Hoffnung, Begeisterung. Aber vor allem eins: Glaube! Wenn Menschen zum Glauben finden, dann wirkt das Gottes Geist. Und das passiert auch heute noch. Schauen wir doch nicht nur auf unsere Kirchen hier in Deutschland oder Mitteleuropa mit ihren schrumpfenden Zahlen. In anderen Teilen der Welt sieht das völlig anders aus. Da Wachsen die Kirchen rasant! In Afrika, in China, in Südostasien. In Afrika ist der Anteil der Christen von 40% 1970 auf heute 65% angewachsen. Und dass überhaupt die ganze Welt vom Evangelium erreicht wird – dass ist doch ein Wunder, dass ist doch Wirken des Heiligen Geistes. Von 12 völlig verängstigten und verschüchterten Männern, die an Pfingsten total umgekrempelt werden und mutig und frei ihren Glauben bezeugen. Und dann ging es weiter – bis an die Enden der Erde.

Doch auch hier in Deutschland ist Gottes Geist am Wirken. Heute Morgen zum Beispiel in Hannover, jetzt gerade zeitgleich passiert etwas Großartiges. Da ist Felix. Ein junger Bursche von 8 Jahren, der getauft wird. Sogar live in einem ARD-Fernsehgottesdienst. Aber das Besondere: Seine Eltern sind Atheisten, haben mit Glauben so gar nix am Hut. Und doch interessiert sich der kleine Felix für den Glauben. Jede Kinderbibel, die er irgendwo aufstöbern konnte, hat er geradezu verschlungen. Und er hat sich gefragt: “woher die Welt eigentlich kommt – und da bin ich auf Gott gekommen.” Und selbst die HAZ schreibt gestern in einer Reportage über Felix: “Gläubige können in seiner Geschichte ein Zeichen dafür sehen, dass Gottes Geist auch heute noch weht, wo er will.” Amen! So ist es.

Also wirklich: Ein tolles Geburtstagsgeschenk an das Geburtskind Kirche und an uns als Christen: der Heilige Geist!

Lassen wir uns von ihm erfüllen und verändern. Nicht so wie bei Lukas, dem Bengel aus dem Siegerland, bei dem es hieß: Bleib so, wie du bist, lass alle Klamotten auf dem Boden liegen, helfe nicht im Haushalt und mähe bloß nicht den Rasen! – Sondern vielmehr kann für uns auch mal gelten: Bleib nicht, wie du bist. Liebe Kirche, lass dich verändern! Lass Gottes Kraft in dir wirken, liebes Geburtstagskind, liebes Gotteskind. Lass dich neu entzünden als Kerze auf Gottes Torte und lass dich beschenken vom Heiligen Geist.

Amen.