Gesegnete Mahlzeit!

Gottesdienst am Gründonnerstag, 13.04.2017

Thema: Gesegnete Mahlzeit!

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Markus 14,17-26

Liebe Gemeinde!

Mahlzeit! Das ist zu einem Gruß geworden. Um die Mittagszeit, so etwa ab 11 Uhr grüßt man weithin nicht mehr mit “Guten Morgen”, sondern eher mit “Mahlzeit!” Eigentlich eine Kurzform von “Gesegnete Mahlzeit!” Was für ein schöner Wunsch: Man wünscht sich eine “gesegnete Mahlzeit”. Es ist bezeichnend, dass man meist das “gesegnete” weglässt und einfach nur noch “Mahlzeit” sagt. Wie man auch meist nur noch “Morgen!” oder “‘n Abend!” sagt. Offensichtlich hat man keine Zeit mehr. Und den Segen braucht man auch nicht mehr. Dabei zeigt schon das Wort “Mahlzeit”, dass es eigentlich anders gedacht ist. Ein Mahl braucht Zeit. Denn Essen bedeutet Gemeinschaft, Tischgemeinschaft. Es geht nicht nur um ein Sattwerden des Leibes, sondern auch der Seele. In unserer Fast-Food-Welt, wo man noch nicht mal aus dem Auto aussteigen muss, wenn man sich bei McDrive seinen Burger holt, da ist uns dieser Gedanke fremd geworden. Manchen dauert schon das Tischgebet zu lang. Und dann macht man’s halt etwas knapper: “Lieber Gott, segne flott!”

In der Bibel ist das Essen, ist das Mahl, die Mahlzeit immer etwas sehr Wichtiges. Hier geht es um Tischgemeinschaft. Und bei dieser besonderen Mahlzeit, diesem Abendmahl Jesu, diesem allerersten Abendmahl und zugleich Jesu letztem Abendmahl, da geht es noch viel mehr um Gemeinschaft. Jesus nimmt sich Zeit für das Mahl mit seinen Jüngern. Er nimmt sich Zeit auch für uns heute Abend. Eine besondere Zeit, eine Mahl-Zeit.

Damals war es eine Passahmahlfeier. Und die dauerte eine beträchtliche Zeit. Gegen 18 Uhr begann man, und gegen 22 Uhr kam diese Passah-Mahlzeit zum Ende.

Und wir wollen einfach mal ganz still und leise uns dazusetzen, wollen zuschauen und uns vorstellen: Wir sind mit dabei. Bei dieser besonderen Mahlzeit, dieser gesegneten Mahlzeit. Wir werden sehen. Es ist eine befreiende Mahlzeit, eine stärkende Mahlzeit, eine dankbare Mahlzeit.

 

1) Eine befreiende Mahlzeit

Wir befinden uns in Jerusalem. Die Stadt ist jetzt zum Passahfest vollkommen überfüllt, überall drängeln sich Leute. Jede Herberge ist ausgebucht. Doch irgendwie hat Jesus es geschafft, für seine Jünger und sich einen Raum zu finden, wo sie das Passahmahl feiern können. Ein Obergemach auf dem Zionsberg. Leise öffnen wir die Tür. Die Wandfackeln tauchen den Raum in ein gedämpftes Licht. In der Mitte der flache Tisch, drum herum liegen die Jünger auf den Polstern zu Tisch. Das Flackern der Fackeln wirft unruhige, huschende Schatten an die Wände, so wie dunkle Vorahnungen und Ängste vor dem, was kommen könnte. Hinter einem großen Vorhang können wir uns verstecken und alles beobachten. Psst!

Es ist eine merkwürdige Atmosphäre. Leise wird geredet, sorgenvolle Spannung liegt in der Luft und doch ist da auch so was wie freudige Erwartung. Jeder ahnt: Großes wird geschehen. Ich kenne das auch aus meinem Glauben: Manchmal liegen Sorgen und Freude dicht beieinander. Die Jünger genießen die Freundschaft mit Jesus. Es ist gut mit ihm zusammen zu sein. So vertraut, so nah. Zeit zu haben. Mahlzeit. Ich frage mich: Nehme ich mir Zeit für Jesus? Jesus hat Zeit für mich.

Dann beginnt die festgelegte jahrtausendalte Passahliturgie, die an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei erinnert. Jesus spricht ein Gebet. Dann der erste Becher Wein. Schließlich das Essen der bitteren Kräuter in Erinnerung an die bittere, schwere Zeit in Ägypten. Die Verletzungen und Wunden im Leben. Und da ist der Becher mit dem Salzwasser. Zeichen für die Tränen, die vergossen wurden. Zeichen für all das bittere Weinen unserer Welt. Weinen über Tod und Gewalt, Weinen über Krankheit und Unfall, Weinen über Einsamkeit und Enttäuschung.  

Und auf einmal sagt Jesus einen Satz, der alle erstarren lässt: “Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.” Ein Moment entsetztes Schweigen. Dann ein leises Tuscheln, Unruhe, Besorgnis. Und einer nach dem andern fragt traurig: “Bin ich’s?”

Ich frage mich: Warum sagt Jesus nicht, wer es sein wird? Dann sehe ich mir die Jünger an, diese Männer, raue Gesellen, harte Kerle, wie ihnen Tränen in den Augen schimmern. Und wie sie alle überlegen: Bin ich’s? Und das macht sie mir sympathisch. Sie kennen den Zweifel. Keiner sagt stolz: Also, ich kann’s ja nicht sein! Frag doch die andern! Nein, sie merken alle: Wie zerbrechlich ist mein Glaube, wenn’s drauf ankommt! Und auf einmal trifft mich der Schlag: Bin ich’s?

Wie oft verraten wir unseren Glauben im Alltag, weil wir ihn nicht klar bekennen, verraten unsere Überzeugungen, weil wir nicht mutig zu ihnen stehen, verraten Jesus, weil er uns im Alltag so oft egal ist!

Hören wir auf, mit dem Zeigefinger auf Judas, den Verräter zu zeigen. Hören wir auf, bei jeder Mahnung in einer Predigt an den andern zu denken. Sondern fragen wir doch immer zuerst mal: Bin ich’s?

Jesus weiß, dass seine Jünger alle miteinander schwache Menschen sind. Dass unser Glaube wankend und schwankend ist wie ein Boot auf dem Meer. Und trotzdem – nein, gerade deshalb hält er mit ihnen Mahlzeit, das befreiende Passahmahl. So wie Gott sein Volk Israel aus Ägypten geführt und befreit hat, so befreit uns Christus aus unserem Unglauben, unserm Versagen, aber auch aus Bitterkeit und Verletzungen. Wenn wir nur ehrlich und demütig erkennen: Wir brauchen die Befreiung! Bin ich’s?

Lasst uns an dieser Stelle den Kelch mit dem Salzwasser herumgehen jeder, der mag, kann einen Löffel daraus nehmen, vielleicht auch ein Blatt vom bitteren Rukola. Und wir wollen eine Zeit der Stille haben, wo wir an unsere Tränen denken. Da wo wir bitter waren oder Bitteres erlebt haben. Da wo wir enttäuscht wurden oder andere enttäuscht haben. Da wo wir Jesus verraten haben. Da wo wir weinen. Gründonnerstag, das kommt vom alten Wort “gronan” = “greinen” oder “weinen”…

 

2) Eine stärkende Mahlzeit

Nachdem der erste Schock über die Ankündigung des Verrats sich gelegt hat, geht das Essen in ziemlich gedrückter Stimmung weiter. Es ist schon eigenartig mit diesem Jesus. Offensichtlich ist es ihm nicht das Wichtigste, dass immer gute Stimmung herrscht und sich alle immer wohlfühlen. Er nimmt es in Kauf, uns auch mal herauszufordern, uns in Frage zu stellen, ja auch mal wehzutun, wenn es heilsam ist.
Doch dann während des Essens, dann spricht er wieder. Worte, die mehr satt machen als das ganze Mahl.
22 Und als sie essen, nimmt er das Brot, dankt und bricht’s und gibt’s ihnen und spricht: Nehmet; das ist mein Leib.
23 Und er nimmt den Kelch, dankt und gibt ihnen den; und sie trinken alle daraus.
24 Und er spricht zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.

Was für eine schwere Botschaft! Das Brot ist sein Leib. Der Kelch ist sein Blut! Er spricht von seinem Sterben. Aber wieso dankt er dafür noch?! Natürlich gehört das Dankgebet mit zur Passahliturgie. Die Juden danken Gott für die Befreiung, für die Rettung aus Ägypten und für Gottes wunderbare Durchhilfe beim Weg durch die Wüste. Und Jesus tut das gleiche und denkt dabei aber an eine noch viel größere Rettungstat. Dass er uns rettet aus unserer Sünde, unserem Verlorensein. Und er denkt daran, dass Gott uns auch hilft auf unserer Lebenswanderung durch das tosende Meer der Chaosmächte und durch manche Wüste. Dieses Mahl gibt uns Kraft dazu, denn es spricht uns zu: Jesus ist bei uns, er ist mit uns, er ist in uns. Auf geheimnisvolle Weise. Aber eines ist nötig: Er sagt: Nehmet! Also: Wir müssen zugreifen! Nicht nur bei der Mahlzeit, nicht nur beim Abendmahl, sondern immer! Jesus sagt: Nehmet mich! Ich bin das Brot des Lebens. Nehmt mich an, nehmt mich auf, nehmt mich ein, nehmt mich ganz! Wenn das keine Stärkung ist!

Und die Jünger machen mit. Sie nehmen das Brot zu sich, sie nehmen den Kelch zu sich. Sie nehmen Jesus auf und sie nehmen den Zuspruch seiner Vergebung an.

Und ich merke, wie sich doch auf einmal die Stimmung wieder aufhellt. Trotz allem Schweren, was bevorsteht. Trotz Enttäuschung und Verrat, beginnen die da plötzlich zu singen. Der große Lobgesang wird angestimmt.

 

3) Eine dankbare Mahlzeit

Zum Passahfest gehören die Dank- und Lobpsalmen Psalm 115-118. Das ist der große Lobgesang! Und ich möchte am liebsten mitsingen.

Psalm 115:

1 Nicht uns, HERR, nicht uns, / sondern deinem Namen gib Ehre um deiner Gnade und Treue willen!
3 Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will.
13 Er segnet, die den HERRN fürchten, die Kleinen und die Großen.

Psalm 116:

3 Stricke des Todes hatten mich umfangen, / des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen; ich kam in Jammer und Not.
4 Aber ich rief an den Namen des HERRN: Ach, HERR, errette mich!
5 Der HERR ist gnädig und gerecht, und unser Gott ist barmherzig.
(…) wenn ich schwach bin, so hilft er mir.
7 Sei nun wieder zufrieden, meine Seele; denn der HERR tut dir Gutes.
8 Denn du, Herr, hast meine Seele vom Tode errettet, mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten.
13 Ich will den Kelch des Heils erheben und des HERRN Namen anrufen.

Psalm 117:

1 Lobet den HERRN, alle Heiden! Preiset ihn, alle Völker!
2 Denn seine Gnade und Wahrheit waltet über uns in Ewigkeit. Halleluja!

Psalm 118:

1 Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.
5 In der Angst rief ich den HERRN an; und der HERR erhörte mich und tröstete mich.
6 Der HERR ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht; was können mir Menschen tun?
8 Es ist gut, auf den HERRN vertrauen und nicht sich verlassen auf Menschen.
22 Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.
24 Dies ist der Tag, den der HERR macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.
25 O HERR, hilf! O HERR, lass wohlgelingen!
26 Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN!

Was für eine Mahlzeit! Eine befreiende Mahlzeit, eine stärkende Mahlzeit, eine dankbare Mahlzeit. Wie gut, dass wir sie immer und immer wieder feiern können. Er ist dabei. Gesegnete Mahlzeit!

Amen.

Ein Beispiel, wie das Abendmahl Menschen verändern kann:

»Es war in den Tagen nach dem Zweiten Weltkrieg in Südfrankreich. Junge Leute treffen sich zu einer ökumenischen Begegnung. Deutsche, Engländer, Franzosen, Dänen, Norweger, Belgier, Holländer und Amerikaner. Sie waren Feinde. Der Tag mit seinen Gottesdiensten und Reden ist vorbei. Nun sitzen sie zusammen auf dem weiten Rund der Erde, in der Mitte brennt ein mächtiges Lagerfeuer. Sie singen, sie reden und lachen.

Da steht ein junger Belgier auf und sagt: ›Ich möchte gerne in paar Worte sagen. Ich muss euch etwas erzählen. Ich war im vergangenen Krieg ein kleiner Junge und lebte in Belgien. Mein Vater und meine Mutter wurden von der Nazi-SS erschossen. Ich habe mir damals geschworen, die Mörder meiner Eltern mein ganzes Leben lang zu hassen. Nun bin ich hierher gefahren, weil ich hoffte, französische Freunde und Freundinnen zu treffen.

Ich wusste nicht, dass auch Deutsche hier sein würden. Ich wäre sonst nicht gekommen. Denn es ist nicht möglich zu vergessen. Ich kann nicht vergessen. Ich kann nicht vergeben. Nein, es ist unmöglich. So habe ich es mir vom ersten Tag an gesagt. Ich wollte nun eben so tun, als wären sie nicht da.

Heute Morgen beim Gottesdienst unter den Kastanien war neben mir ein Platz frei. Ein Deutscher kam und setzte sich neben mich. Ihr wisst, es war heute Morgen kalt. Ich hatte einen Umhang an, der Deutsche neben mir nicht. Es war klar, ich legte meinen Umhang um uns beide. Aber ich sagte mir: Er ist nicht dein Freund. Er ist ein Deutscher, du musst ihn hassen. Er wusste es natürlich nicht und lachte mich an.

Nachher, beim Abendmahl, standen wir vorn wieder nebeneinander. Da wusste ich: Christus ist nicht nur für uns, sondern auch für diese Deutschen gestorben.

Und ich entdeckte, dass auch die Deutschen Brüder und Schwestern sind, Brüder und Schwestern im Glauben. Das wollte ich euch sagen‹«

(von Jörg Zink).

 

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