Geht dir ein Licht auf?

Gottesdienst am Sonntag, 08.01.2017

Thema: Geht dir ein Licht auf?

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

 

Liebe Gemeinde,

gerade eine Woche ist es her: Silvester! Unsere Kinder freuen sich da immer besonders auf das Feuerwerk. Von einem Besuch des Vorjahres hatten wir eine Silvesterrakete. Da waren natürlich alle sehr gespannt. Diese eine einzige eigene Silvesterrakete! Das wird bestimmt der absolute Kracher; die wird höher, weiter, heller als alle andern. Angezündet – und zisch, sauste sie in die Höhe. Dann machte es kurz plopp, ein kleiner kurzer, enttäuschender, roter Lichtblitz – und vorbei! Hm… Da machte es doch mehr Spaß, den andern zuzusehen. Aber auch das spektakuläre, fulminante Megafeuerwerk von Hohnhorst-City war nach nicht allzu langer Zeit beendet. Dann war der Himmel wieder dunkel.

Beschwert sich Peter bei seinem Kumpel Felix: “Hör mal, diese Feuerwerksraketen, die du mir für teures Geld verkauft hast, da hat nicht eine davon funktioniert!” Sagt der Felix: “Hm, versteh ich nicht. Ich habe sie alle vorher ausprobiert – da gingen die wunderbar!”

Aber so ist das eben mit solchem Feuerwerkslicht: Es geht nur einmal! Es ist nur kurz. Bunt und hell und grell – und schnell. Schnell ist es ausgebrannt.

Mir scheint, dass dies ein gutes Bild ist für so vieles, was unsere Welt zu bieten hat. Da gibt es Vergnügen, Glücksmomente, schöne Erlebnisse – aber wie schnell ist es verloschen. Und je nachdem, was das Leben so bringt, überwiegt bei manchen am Ende die Dunkelheit.

Der Dichter Eugen Roth fasst es recht pessimistisch in folgende Zeilen zusammen:

„Ein Mensch erblickt das Licht der Welt –
Doch oft hat sich herausgestellt
Nach manchem trüb verbrachten Jahr,
Dass dies der einz’ge Lichtblick war.
(Eugen Roth)

Es ist ja schon merkwürdig: Wir sagen, wenn ein Kind geboren wird: Es erblickt das Licht der Welt. – Und doch wissen wir, dass es mit dem Licht dieser Welt oft nicht so dolle ist. Wird es nicht oft verdeckt von Wolken des Leides oder verlischt es nicht oft so schnell wie ein Feuerwerk?

Geht dir ein Licht auf? heißt es heute. Aber nicht nur ein kurzes helles Licht wie ein Feuerwerk oder wie ein kurzer Geistesblitz. Sondern ein bleibendes Licht, das die Dunkelheit vertreibt und selber bleibt.

Hören wir dazu die Worte der Heiligen Schrift. Als Predigttext ist heute Matthäus 4,12-17 vorgesehen.

12 Da nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück.
13 Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am Galiläischen Meer liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali,
14 auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1):
15 »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das Galiläa der Heiden,
16 das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen im Land und Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«
17 Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen und zu sagen: Tut Buße,denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

 

1) Das Licht schenkt Glauben

Unser Text beginnt mit dem Hinweis, dass sich Jesus nach Galiläa zurückzieht. Das ist seine Heimat, das ist die Gegend, wo Nazareth liegt.

Aber wieso kommt Jesus überhaupt aus Nazareth? Müsste der Messias, der König, nicht aus Jerusalem, der Hauptstadt, kommen? Und wenn er schon nicht daher kommt, müsste das nicht sein Hauptwirkungsort sein? Kaiser Augustus zog nach Rom, als ihm die Kaiserkrone aufgesetzt wurde, Napoleon zog nach Paris, als er sich selbst zum Kaiser krönte, Trump zieht bald nach Washington ins Weiße Haus. Und Jesus? Er zieht nach Galiläa, nach Nazareth. Damals ein kleines, unbedeutendes Kaff.

Für fromme Juden nicht zu verstehen! Nathanael etwa, als ihm sein Freund Philippus begeistert erzählt: “Stell dir vor, wir haben den Messias gefunden! Jesus aus Nazareth…”, da sagt Nathanael nur: “Was kann denn aus Nazareth schon Gutes kommen?!” Das geht doch nicht! Der Messias muss doch aus der Hauptstadt sein, oder – wenn man die Propheten kannte – doch zumindest aus Bethlehem, der Stadt Davids, denn das hatte Micha ja über 700 Jahre vor der Geburt Jesu schon vorhergesagt. Ja, stimmt, so ist es ja auch passiert: Jesus wurde in Bethlehem geboren. Da hat Gott einiges in Bewegung gesetzt, um Maria und Josef für die Geburt nach Bethlehem zu schicken. Aber dennoch: Jesus heißt nicht: “Jesus von Bethlehem”, sondern: “Jesus von Nazareth”. Und auf dem Kreuz stand INRI: “Jesus von Nazareth, König der Juden”. Und bis heute nennen etwa arabische Muslime die Christen “nasara” = “Nazarener”. Und mit dem arabischen Buchstaben “N” beschmieren Islamisten die Hauswände von Christen, um sie als Verfolgungsziel zu markieren. Jesus von Nazareth. Merkwürdig, was hat Gott sich dabei nur gedacht?

Nazareth liegt ausgerechnet nicht im frommen Juda, wo der Tempel war und die Priester. Nicht da, wo die High Society war, sondern in der Provinz, da war das Zuhause von Jesus. Die Galiläer konnten noch nicht mal gescheit “hochhebräisch”, sondern die sprachen platt. Petrus hat sich später, als er Jesus verleugnete, mit seinem Dialekt als Galiläer verraten. Galiläa war das Ostfriesland Israels. Und dann noch die Bezeichnung “Galiläa der Heiden” wie man damals sagte. Wieso denn das? Galiläa gehört doch mit zu Israel und die Bewohner waren doch Juden, oder? Wieso denn “Galiläa der Heiden”?

Nun, die Antwort ist in der Geschichte zu suchen: Der Norden Israels wurde im 8. Jahrhundert vor der Geburt Christi von den Assyrern erobert. Und die hatten eine raffinierte Taktik zur Unterdrückung eroberter Völker: Sie verschleppten weite Teile der Bevölkerung und brachten stattdessen viele Menschen anderer Völker, Kulturen und Religionen hinein. So kam es allmählich zur Vermischung mit den Fremden und damit zerstörten sie die Identität und Widerstandskraft der besiegten Völker. Und das war in Galiläa der Fall gewesen. Der Glaube war dort seit Jahrhunderten verwaschen und verwässert. Ein verwässerter, substanzloser Glaube wie weithin auch in unsern Tagen und in unserm Land.

Und genau dahin zieht es Jesus. Dort, in diesem “Galiläa der Heiden”, wächst er auf, dort entfaltet er seine Wirksamkeit. Dort scheint das Licht seiner Worte und Taten. Ein Licht, das genau dort Glauben schenkt, Jünger findet, Nachfolger. Wenn auch nicht viele, aber doch einzelne.

Damit wird schon durch die Wahl seiner Heimatgegend deutlich, was Jesus später dann so sagt: “Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.”

Und ich frage mich manchmal: Wie ist das mit uns? Gehen wir auch – wie Jesus – zu denen, die weit weg von Gott sind? Haben wir Kontakte zu ihnen? Oder sind wir nur unter unsresgleichen? Gehen wir noch hin ins “Galiläa der Heiden”? Oder bleiben wir in unserm frommen Jerusalem? Und wie schnell tappen wir dann vielleicht in die Falle der Selbstgerechtigkeit! Dass wir denken: Eigentlich haben andere Jesus viel nötiger als wir! Nein, so ist es nicht! Auch ich brauche Jesus! Auch ich bin immer wieder zuhause im “Galiläa der Heiden”. So wie Petrus, der Zöllner Matthäus und all die andern, die Jesus brauchten. Denen Jesus das Licht des Glaubens schenkte. Ich brauche dieses Licht des Glaubens auch. Und wenn du ein “Galiläer” bist, ein Zweifelnder, ein Suchender, wenn du deinen Glauben als klein und schwankend ansiehst: willkommen im Club! Jesus kommt ins Galiläa der Heiden.

Darum also ist Jesus nicht “Jesus von Bethlehem” oder “Jesus von Jerusalem”, sondern “Jesus von Nazareth” in Galiläa. Übrigens gibt es noch ein wunderbares Geheimnis in diesem Namen. Die alte Prophezeiung des Jesaja lautete: “Und es wird ein Spross hervorgehen aus dem Stamm Isais (das ist der Vater Davids) und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.” Daher kommt das Lied “Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart.” Das hebräische Wort für “Spross”, “Zweig” heißt nezer. Und nun muss man bedenken, dass im Hebräischen nur die Konsonanten geschrieben werden. NZR. Das sind genau die Buchstaben, die das Wort Nazareth bilden. Jesus von Nazareth ist also im Hebräischen zugleich: Jesus, der Spross aus dem Stamm Isais, der Nachkomme Davids, der Messias.

Die ganze Geschichte Jesu ist eine wunderbare Erfüllung von uralten Prophetenworten! Und so zitiert Matthäus gleich ein weiteres Jesajawort. Und das weist uns darauf hin, dass das Licht Jesu nicht nur Glauben schenkt, sondern auch Trost.

 

2) Das Licht schenkt Trost

Matthäus zitiert Jesaja 8,23-9,1: 
»Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das Galiläa der Heiden,
das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen im Land und Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«

Jesus blieb nicht nur in Nazareth, sondern zog daraus fort und war unterwegs auf den Stammesgebieten der alten Stämme Sebulon und Naftali. Da lag Kapernaum, da lag der See Genezareth. Und genau das hatte Jesaja 700 Jahre zuvor angekündigt. Mit so exakten Ortsangaben! Und genau da ist Jesus unterwegs. Warum eigentlich dort? Warum beschreibt Jesaja die Menschen dieser Gegend als das Volk, das in Finsternis sitzt im Land und Schatten des Todes?

Vielleicht weil diese Gegend in der Geschichte besonders stark von Kriegen und Schlachten heimgesucht wurde. Da führte die Via Maris entlang, der uralte Verbindungsweg von Ägypten ins Zweistromland nach Assyrien und Babylonien. Hier zogen unzählige Male die Heere der Feinde durch. Wie viel Blut und Tränen hat dieser Landstrich gesehen! Hier liegt auch das berühmte “Armageddon” bzw. “Harmagedon”, wo nach der Offenbarung am Ende der Zeiten noch einmal eine gewaltige Schlacht stattfinden wird. Das ist das Land Sebulon und Naftali. Und dort, wo so viel Leiden herrscht, so viel Finsternis regiert, genau dort verkündet Jesus den Anbruch der Gottesherrschaft, da sagt Jesus: Selig sind, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden! Genau dort hat Jesus den Schwachen geholfen, Kranke geheilt, Gebundene befreit, Einsame zu Freunden gemacht.

Und das bedeutet doch: Auch wir, wenn wir in Finsternis sind, wenn wir im Land und Schatten des Todes sitzen, dann ist Jesus doch auch für uns ein Licht! Heute sind Menschen unter uns, deren Herz voll Trauer ist, weil ein geliebter Mensch gestorben ist. Und da gilt den Trauernden besonders diese Zusage: Das Volk, das in Finsternis sitzt, sieht ein großes Licht! Genau in diese Trauer und Dunkelheit ist Jesus gekommen, ist er erschienen als Licht. Nicht wie ein grelles Feuerwerk, dass schnell erlischt. Sondern eher als wärmende Kerze, die dir sanft und zart sagt: Ich bin bei dir, ich bin dein Freund. Oder als Stern in der Nacht, der den Weg zeigt wie einst den Weisen aus dem Morgenland. Den Weg zum Ziel, den Weg in die Zukunft: Hab keine Angst, ich geh mit dir.

Sebulon und Naftali stehen stellvertretend für unsere Welt, in der es Kriege und Katastrophen gibt und Krankheit, Krebs und Kummer, Unfälle und Unglücke. Und genau diese Gegend ist der Ort, den Jesus sich erwählt , um dort zu wohnen und zu wirken.

Noch ein dritter Gedanke:

 

3) Das Licht schenkt einen Neuanfang

Es ist ja schon die Frage, wie wir das Licht Jesu erfahren können, wie es in unser Leben scheint. Und darüber gibt uns unser Text eine klare Auskunft. Denn der letzte Vers heißt:

17 Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen und zu sagen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Es ist sehr schlicht die Aufforderung, die zugleich ein Angebot ist: Tut Buße! Anders übersetzt: Kehrt um! Ich schenke euch einen Neuanfang. Im Glauben. Im Leben. Buße tun – ist zwar ein altmodischer Begriff, klingt verstaubt, ist aber unbedingt notwendig, um in den Himmel zu kommen. Um das Licht des Lebens zu bekommen. “Tut Buße” heißt: Hört auf, euch selbst für gut genug zu halten. Seid ehrlich! Sagt Gott, dass ihr ihn braucht, bittet um Vergebung für eure Sünden. Für die, die ihr ganz genau kennt und wisst. Und für die, ihr vielleicht nur ahnt. Er vergibt gern! Und dann ändert euch, wo es nötig ist. Hört auf, Gottes Gebote zu missachten, nur weil ihr davon einen vermeintlichen Vorteil erwartet: mehr Geld, mehr Lust, mehr Ehre, mehr Erfolg. Setzt dafür doch nicht euer Seelenheil aufs Spiel! Fangt neu an mit Gott. “Denn das Himmelreich ist nahe.” Keiner weiß, wie nahe er selbst vor der Himmelstür steht. Darum sollte man den Neuanfang auch nicht aufschieben. Das Jahr hat gerade neu angefangen. Eine gute Gelegenheit, auch mit Gott neu anzufangen und das Jahr im Licht Jesu zu leben. Er ist das wahre Licht der Welt.

Vielleicht könnte man Eugen Roths trauriges Gedicht ein wenig abändern.

Ein Mensch erblickt das Licht der Welt:
JESUS, der die Dunkelheit erhellt.
der Glauben schenkt und Trost uns gibt,
den Neuanfang, weil er uns liebt.

Amen.

 

Zur Druckversion