Ein Lied geht um die Welt

Gottesdienst am Heiligabend, 24. Dezember 2015

Christvesper II

Thema: Ein Lied geht um die Welt

Text: Lukas 2,1-20 und Lied: Stille Nacht

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

 

Liebe Gemeinde,

“Die drei großen Lügen der Weihnachtslieder”, so hieß es gerade im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Diese Überschrift machte mich neugierig. Lügen in den Weihnachtsliedern? Welche sind das?

  1. Leise rieselt der Schnee. Okay, zugegeben. In diesem Jahr – eine glatte Lüge hier bei uns bei diesem milden Frühlingswetter. Letzte Woche fragte noch jemand, ob es eigentlich irgendwo eine Verordnung gibt, bis wie viel Uhr man am Heiligabend Rasenmähen darf.
  2. Fröhliche Weihnacht überall. – Hm, das stimmt nachdenklich. Es ist ja wirklich nicht überall fröhliche Weihnacht. Gestern kam gerade in den Nachrichten: In Somalia wurde jetzt Weihnachten offiziell verboten! Die Sicherheitsdienste sind angewiesen, sämtliche weihnachtlichen Feiern zu unterbinden. Und in Brunei wird allein schon das Singen christlicher Weihnachtslieder mit bis zu 5 Jahren Gefängnis geahndet. Und so werden in vielen Ländern Christen verfolgt. Fröhliche Weihnacht – nicht überall…
  3. Stille Nacht. Auch das wurde als große Lüge entlarvt. Ungewohnter Gedanke. Das bekannteste Weihnachtslied der Welt – eine Lüge? Ein Irrtum? Wie still ist die stille Nacht? Wir wollen diesem Weihnachtslied heute auf die Spur kommen – und dabei aber auch der Weihnachtsbotschaft auf die Spur kommen.

Dieses Lied übt ja eine unglaubliche Faszination aus. Man schätzt, dass heute weltweit etwa 2 Milliarden Menschen dieses Lied anstimmen werden! Es ist in über 320 Sprachen übersetzt und gehört zum UNESCO-Kulturerbe.

Lied: Stille Nacht, 1. Strophe + 2. Strophe

Dabei ist es ganz erstaunlich, welche Kontraste, ja geradezu Gegensätze in der Weihnachtsgeschichte und auch in unserm Weihnachtslied aufeinanderprallen.

 

1) Still und laut

So oft es in dem Lied wiederholt wird: Stille Nacht… – Es ist ja nicht nur still in der stillen Nacht. Es kommt in dem Lied auch das Wort “laut” vor. In der 2. Strophe heißt es ja: “Stille Nacht, heilige Nacht, Hirten erst kundgemacht durch der Engel Halleluja tönt es laut von fern und nah: Christ, der Retter ist da!” Beides gehört zu Weihnachten dazu: “still” und “laut”.

Vielleicht fällt uns das erste oft am schwersten. Von Karl Valentin kommt der nette Spruch: “Wenn die stille Nacht vorbei ist, wird es auch wieder ruhiger.” So viel Trubel ist heute mit Weihnachten verbunden, bis alle Geschenke besorgt und eingepackt sind, bis der richtige Weihnachtsbaum gefunden und geschmückt ist, bis der Festtagsbraten zubereitet und aufgetischt ist und und und. Stille Nacht? Damals in der Weihnachtsgeschichte, vor der Geburt Jesu, war es auch nicht gerade ruhig und still. Das laute Schreien der Volkszähler, das Klingeln der Kassen bei den Gastwirten, das Mäh und Muh im Stall…

Und dann wird es ruhig, dann wird es still. Stille Nacht. Gott kommt in diese Welt – nicht im lauten Trubel des Tages, sondern mitten in der Stille der Nacht. Und das war nicht nur damals so. Das wiederholt sich immer wieder, auch in unserer Zeit: Um Gott zu begegnen, braucht es Stille. Der bekannte Schriftstelle Wilhelm Raabe sagt: “Die größten Wunder gehen in der größten Stille vor sich.”

Dass wir in unserer Zeit so wenig von Gott spüren und erfahren und seine Stimme oft nicht mehr hören – liegt es vielleicht daran, dass unsere Welt so laut geworden ist? Erst mal rein akustisch. Gerade heute in der Beilage zu den Schaumburger Nachrichten war ein großer Artikel unter der Überschrift “Ruhe, bitte!” über Lärm und Stille. Darin wurde die Alltagserfahrung so zusammengefasst: “Schriller Krach statt Stille Nacht.” Manche Geräusche tun richtig weh: Ein britischer Akustikforscher hat 1 Million Menschen befragt nach den schrecklichsten Geräuschen. Der vielgescholtene furchterregende Zahnarztbohrer kam auf Platz 20. Platz 6 eine falsch gespielte Geige, Platz 1 wenn sich ein Mensch übergibt. Hoffentlich ertönt dieses Geräusch heute Abend nicht nach dem festlichen Abendessen! Das könnte nämlich zu einem ganz anderen Krach führen, falls die Köchin des Hauses das persönlich nimmt. 40 % der Deutschen streiten übrigens zu Weihnachten! Und wir erkennen: Es gibt nicht nur äußeren Krach und Lärm, sondern auch im Innern, in unserm Herzen. Eine Unruhe, die aus Unfrieden geboren wird.

Stille Nacht, heilige Nacht ist heute die Einladung: Komm doch zur Ruhe! Nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Alle Gedanken von Streit und Wut und Bitterkeit, aber auch deinen Ehrgeiz, die Jagd nach Anerkennung und Erfolg – lass sie ruhen. Ich glaube, wenn wir so zur Stillen Nacht kommen, dann können wir auch Gottes Stimme hören. Vielleicht ganz leise. Wie er sagt, nein, vielleicht nur flüstert: Du, ich bin wirklich da! Ich komme zu euch Menschen. Mein Kind, du bist unendlich wertvoll für mich!

Vielleicht wird Gottes Stimme aber dann auch ganz laut – wie für die Hirten im Jubel der Engel, im Jubel der Freude, im Jubel der Dankbarkeit, dass es uns gut geht, dass wir Familie und Freunde haben, dass wir essen und trinken können, dass wir in unserem Land Freiheit und Sicherheit haben. Da kann man auch mal fröhlich und laut singen. Als die Menge der himmlischen Heerscharen, die Engel, damals die Botschaft verkündigten, da war es auch laut: “Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden.” Doch die wichtigste Botschaft, der wichtigste Grund für den Jubel war das, was unser Lied so schön auf den Punkt bringt: “Durch der Engel Halleluja tönt es laut von fern und nah: Christ, der Retter, ist da!” Diese Botschaft kann man gar nicht laut genug hinausposaunen. In der ursprünglichen Version, die Joseph Mohr 1816 gedichtet hatte, hatte er den Namen “Jesus” gesetzt. Jesus, der Retter, ist da! Still und laut – so ist es in dieser Weihnachtsnacht.

 

2) Nacht und lacht

Der kleine Max kommt freudestrahlend vom Heiligabendgottesdienst nach Hause und berichtet seinem Opa, der nicht mit dabei war: “Opa, stell dir vor, ich weiß jetzt endlich wie das Christkind mit Vornamen heißt.” – “Na, wie heißt es?” “Es heißt Owie!” – “Wie bitte? Ich denke, der Name ist Jesus.” – “Nö, wir haben ein Lied gesungen, darin hieß es: Owie lacht.”

So kennen wir es aus der 3. Strophe: “Stille Nacht, heilige Nacht! Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund…”

Wieder so ein großer Gegensatz: Nacht und lacht. Wie passt das zusammen? Ist denn die Nacht nicht das Sinnbild für alles Dunkle, für das Bedrohliche, für das, was uns Angst macht? Und wie kann man da lachen?

Damals für Maria und Josef war auch Nacht – keine nächtlich-weihnachtliche Gemütlichkeitsidylle. Holder Knabe im lockigen Haar – das klingt ja fast ein wenig kitschig. Nein, die äußeren Umstände dieser Geburt waren tiefe dunkle Nacht. Die heilige Familie war weit weg von ihrer Heimatstadt Nazareth, in der Fremde, in einem Land, was unter der Steuerlast der römischen Besatzungsmacht litt und zudem unter der Willkür eines tyrannischen Regionalkönigs, Herodes. Und es dauerte nicht lang, da mussten sie sich auf die Flucht machen, weil sie um das Leben des Neugeborenen fürchten mussten. Der eifersüchtige Herodes wollte es umbringen lassen. Hass und Gewalt machten ihr Leben zur Nacht. Auf der Flucht. Das klingt im Jahr 2015 hochaktuell. Wie viel Nacht ist auch in unserer Zeit in diesen Ländern, aus denen Menschen in Scharen zu uns kommen! Und wie viel Angst und Sorgen sind auch bei vielen Menschen in unserem Land entstanden. Dazu die Gefahr des Terrors.

Und vielleicht sind manche hier, die auch ganz persönliche Nacht erleben oder erlebt haben. Etwa, wenn jemand gestorben und man nun zum ersten Mal Heiligabend erleben muss ohne den geliebten Menschen an der Seite. Oder wenn eine Krankheit das Leben bedroht. Oder eine Schuld uns Not bereitet. Oder eine tiefe innere Verletzung, die wir einfach nicht verzeihen können. Nacht.

Die Zeit, in der das Lied “Stille Nacht” entstand, das war auch Nacht. Im österreichischen Mariapfarr, wo Joseph Mohr Hilfspriester war. Es war die Zeit nach den napoleonischen Kriegen mit unsagbar viel Hunger und Elend und Not. Viele Straßenkinder irrten hungernd und frierend umher. Durch eine Naturkatastrophe – ein gewaltiger Vulkanausbruch in Indonesien mit einer riesigen Aschewolke – gab es 1816 keinen Sommer in Europa. Es regnete fast pausenlos, und in Österreich fiel die Ernte aus. Es folgte das Hungerjahr 1817. Ganz unterschiedliche Zeiten und Orte – und doch immer wieder das Erleben von Nacht.

Und genau in die Nacht hinein kommt das Wunder der Geburt Jesu. Genau in diese menschliche Nacht hinein dringt die Liebe Gottes. Und deshalb passt es so wunderbar, dass hier so überraschend vom Lachen die Rede ist! Denn das zeigt: Wie dunkel auch unsere Nacht sein mag, Gott ist größer, sein Licht leuchtet gerade in die Nacht. An Ostern gibt es das Osterlachen. Eine uralte Tradition, wo man früher oft in den Ostergottesdiensten erst mal ‘ne Runde laut gelacht hat. Warum? Man hat den Tod ausgelacht! Weil Jesus vom Tod auferstanden ist und den Tod besiegt hat! Joseph Mohr bringt in sein Lied nun das Weihnachtslachen. “Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund.” Und warum? “Da uns schlägt die rettende Stund, Christ in deiner Geburt.” Das ist der wichtigste Satz in dem ganzen Lied. “göttlicher Mund” – “rettende Stund” – Was bedeutet das? Nun, Joseph Mohr möchte klar machen: Dieses Kind in der Krippe, Jesus Christus, ist nicht nur ein Mensch wie du und ich. Es ist Gottes Sohn! Und es geht um Rettung. Ohne ihn ist Nacht. Ohne Jesus sind wir verloren. Und zwar in Ewigkeit. Verloren in Sünde und Tod. Aber weil Gott das nicht will, sendet er seinen Sohn Jesus als kleines Menschenkind in die Krippe, in unsere Nacht, und später geht dieser Jesus für unsere Sünde ans Kreuz und stirbt für unsere Sünde, für unsere Nacht. Doch es kommt nun darauf an, das auch persönlich anzunehmen. Ja sagen zu Jesus. Im Gebet das Herz öffnen und ihn einladen: Jesus, komm in meine Nacht. Und dann schlägt uns selbst die rettende Stund. Der Dichter Angelus Silesius sagt: “Und wäre Christus 1000mal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest doch verloren.” Aber wer Jesus annimmt und Gottes Kind wird, der kann auch erfahren, – nicht dass alle Nächte verschwinden, wohl aber, dass Jesus gerade in der Nacht da ist. Und das gibt Freude. Und vielleicht auch ein Lachen. Nacht und lacht.

 

3) Fern und nah

Auch das ist ja ein Gegensatz. Wieso eigentlich heißt es: “tönt es laut von fern und nah”? Ist das Erleben der Hirten, die dem Licht der Engel begegnet sind, nicht an genau einem Ort, dort auf dem Feld bei Bethlehem geschehen? Wieso “von fern und von nah”?

Wir können Gott ja auch auf beide Arten erleben: Als den Fernen, der uns irgendwie weit weg vorkommt, als eine Macht, die nicht greifbar ist, die irgendwie hinter den Rätseln des Universums steckt, verborgen, unsichtbar, eben fern. Für viele Menschen heute, vielleicht auch hier, ist Gott fern, ist der Himmel fern. Und trotzdem: vielleicht tönt es auch für dich von fern an die Membran deines Herzens: Da ist jemand. Da ist Gott. Er meint es gut mit mir. Die Hirten erlebten Gott auch als fern, sie galten nicht unbedingt als die Frömmsten. Und als das Licht des Engels erstrahlte, da hatten sie erst mal nur eins: Angst. Ich glaube, der ferne Gott – das ist eine Erfahrung, die wir tatsächlich machen können. Aber Gott bleibt nicht fern. Das ist die Botschaft von Weihnachten: Er kommt uns nah in Jesus. Er wird in Jesus, seinem Sohn, ganz menschlich, er wird Mensch. Um uns Menschen nahe zu sein, auch und gerade in dunklen Zeiten. Und so tönt das Halleluja der Engel nicht nur von fern für die Hirten, sondern auch von nah. Es gilt ihnen persönlich. “Euch ist heute der Heiland geboren.” Und genau das gilt auch uns, gilt dir und mir: Dir ist heute der Heiland geboren. Christ, der Retter ist da.

Amen.

 

Lied: Stille Nacht, Strophe 3-6

Aktion Friedenslicht.

“Tönt es laut von fern und nah” – kann man auch auf uns Menschen beziehen. Denn Weihnachten verbindet uns über die ganze Welt, Menschen, die fern sind, kommen sich nahe. So wie das Lied “Stille Nacht” um die Welt gegangen ist. Der Startenor Placido Domingo hat sogar vorgeschlagen, “Stille Nacht” zum Weltfriedenslied zu erklären. Ein Lied geht um die Welt und verbreitet sein Licht. Ich denke dabei auch an das Friedenslicht von Bethlehem.

Seit 1986 gibt es die Aktion Friedenslicht. Jedes Jahr entzündet ein Kind das Friedenslicht an der Flamme der Geburtsgrotte Christi in Betlehem. Und die Pfadfinder verbreiten dieses Licht über Ländergrenzen hinweg in die Welt. Es erstrahlt von fern und nah. Im Rahmen einer Lichtstafette wird das Licht in Deutschland an über 500 Orten weitergegeben. Ich freue mich, dass wir es heute auch in unsere Martins-Kirche von den Pfadfindern getragen bekommen. Ein Lied geht um die Welt, ein Licht geht um die Welt. Und die Botschaft: “Christ, der Retter ist da”, geht um die Welt.