Die Macht des Wortes

Gottesdienst am Sonntag, 26.02.2017

Thema: LLL – Luthers Leben und Lehre 2 – Die Macht des Wortes

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Jeremia 23,29

 

Liebe Gemeinde!

Die Macht der Worte

Worte können die Welt bewegen, können die Welt verändern. Denken wir an die berühmte Rede von John F. Kennedy, wo er sagt: “Ich bin ein Berliner.”

Denken wir an Martin Luther King: “I have a dream that one day this nation will rise up, and live out the true meaning of its creed: … that all men are created equal.”

Denken wir an Neil Armstrong, wie er als erster Mensch auf dem Mond sagte: “Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit.”

Denken wir an Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor: “Mr. Gorbatschow, reißen Sie die Mauer ein!”

Denken wir an Außenminister Genscher in der Prager Botschaft: “Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…” – der Rest dieses Satzes, der das Ende der DDR einleitete, wurde vom tosenden Jubel der 5000 DDR-Flüchtlingen verschluckt.

Denken wir an Martin Luther, wie er 1521 auf dem Reichstag in Worms vor dem Kaiser steht und sagt: “Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir.”

 

Die Macht der Worte. Schon menschliche Worte können so viel bewirken, bewegen, verändern, aber auch viel Unheil anrichten, so viel Spuren hinterlassen zum Bösen wie zum Guten. Worte sind mitnichten nur Schall und Rauch. Die Macht der Worte.

 

Die Macht des Wortes Gottes

Wenn dies schon von menschlichen Worten gilt, um wie viel mehr von Gottes Wort! Es bewegt und verändert die Welt, und auch ein Leben. So haben wir es auch im Leben von Martin Luther gesehen – im Teil 1 unserer Predigtreihe LLL – Luthers Leben und Lehre. Wir haben dabei erfahren, wie Gottes Gnade ihn beim Lesen des Römerbriefs wie ein Blitz, wie ein Geistesblitz, ja ein Blitz des Heiligen Geistes erfasst hat und er seine wichtige reformatorische Entdeckung gemacht hat: Allein durch Gnade werde ich gerecht bei Gott. Allein durch den Glauben an Jesus Christus werde ich gerettet – darum muss ich keine Angst mehr haben vor Hölle, Tod und Teufel. Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? In Christus am Kreuz sehe ich den gnädigen Gott! Doch welche Auswirkungen hatte diese Erkenntnis auf Luther? Wie ging es weiter in seinem Leben? Seine Schriften, seine Worte verbreiteten sich durch die Gutenbergs Druckerpressen in rasender Geschwindigkeit. Vor allem aber auch das Wort Gottes. Martin Luther, erzähl uns weiter. Erzähl uns von der Macht des Wortes!

 

Martin Luther erzählt:

Wertestes Volk zu Hohnhorst, liebe Gemeinde, ich danke euch aufs Aufrichtigste für die erneute Einladung. Ich möchte ein Wort Gottes voran stellen, ein Wort, das er durch den Propheten Jeremia zu uns spricht: Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt?  (Jeremia 23,29)

 

Gottes Wort – das ist doch der Hammer!

Ja, das sind wahrlich rechte Worte, die der Prophet hier weitergibt. Ich habe es selbst erlebt, wie Gottes Wort wie ein Hammer die Felsen des Unglaubens und des Irrtums zerschlagen hat und wie es das Feuer des Glaubens entfacht hat und viele Menschen ganz neu Feuer und Flamme waren für den Glauben an Jesus Christus. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie rasant – wie ein Lauffeuer! – die 95 Thesen gegen den gottlosen Ablasshandel und dann all die folgenden Flugblätter und Schriften verbreitet wurden! Durch die Druckerpressen war das möglich geworden. Eure Historiker schätzen die Zahl meiner gedruckten Flugblätter bis zum Jahre 1524 auf etwa 4 Millionen! Und immer wieder ging es in meinen Worten um das eine Wort, das Wort Gottes, die Heilige Schrift. Die Macht des Wortes Gottes!
Nachdem ich die 95 Thesen an die Kirchentür zu Wittenberg geschlagen hatte und einige Leute die schnell abgeschrieben, gedruckt und verbreitet hatten, gab es natürlich mächtig Ärger! Der Tetzel, der diesen stinkenden Mist der Ablassbriefe verkaufte, tobte und schnaubte wie eine Wildsau. Meine Sache ging bis nach Rom! Und im Sommer 1518 wurde ich vom päpstlichen Gesandten Cajetan für ein Verhör zum Reichstag nach Augsburg vorgeladen.

 

Keiner steht über Gottes Wort!

Ich dachte, wir könnten in Ruhe miteinander reden, wie sich das für Christenmenschen gehört! Ich wollte meine Thesen auf Grundlage der Heiligen Schrift erläutern. Aber das zählte gar nicht! Dieser Cajetan wollten das gar nicht hören. Der hatte seine vorgefasste Meinung und dann sagt dieser Kerl doch tatsächlich: Der Papst steht über der Heiligen Schrift! Was für ein Irrsinn! Kein Mensch sollte sich erheben und meinen, über Gottes Wort zu stehen! Ihr lieben Leute zu Hohnhorst: Das ist genau das Problem – auch in eurer Zeit! Wenn wir Menschen unsere eigene Meinung wichtiger nehmen als die Bibel. Und so ist es doch in den Jahrhunderten nach mir immer weiter gegangen. – Ich hab mich da ein bisschen erkundigt, wie bei euch die Geschichte weitergegangen ist. Ihr hattet dann mal so einen schlauen Philosophen, den Immanuel Kant, der sagte zwar nicht, dass der Papst über der Schrift steht, wohl aber die menschliche Vernunft (obwohl er selber die Bibel sonst sehr schätzte)! Doch das ist ein Irrweg, glaubt mir! Denn wir können irren – Gottes Wort irrt nicht. Natürlich ist es oftmals schwer zu verstehen. Und wir müssen schon genau hinschauen, was es wem und in welcher Situation sagt. Aber dazu später mehr. Wie gut, dass es dann noch einen anderen schlauen Philosophen gab! Den Sören Kierkegaard, der Christ war. Der hat einen Satz gesagt, dem kann ich nur voll und ganz beipflichten: Die Bibel ist nicht dazu da, dass wir sie kritisieren, sondern dazu, dass sie uns kritisiert. Das heißt, dass sie uns zurechtweist, Orientierung gibt und uns sagt, wo es lang geht.

Übrigens: Es kommt ja schon vor, dass wir Christenleute ganz unterschiedlich über bestimmte Sachen denken. Dann lasst uns doch uns zusammensetzen und gemeinsam das Buch der Bücher aufschlagen und ins Gespräch kommen statt einander zu verurteilen und zu verdammen! Ich muss euch ehrlich gestehen: Ich habe mich an diesen meinen eigenen Grundsatz auch nicht immer gehalten…

 

Auf Gottes Wort hören und Jesus vertrauen – das ist Kirche!

Ein Jahr später wurde weiter diskutiert und disputiert. Diesmal in Leipzig. Das war 1519. Da kam der dicke Dr. Eck. Das war damals ein theologisches – aber unter uns gesagt auch leibliches – Schwergewicht! Während ich da noch ein schmächtiges Kerlchen war. Und so stand er mir gegenüber, und sagte mir doch tatsächlich: Der Papst und die Konzile irren nicht! Und wer anders glaubt und lehrt, ist ein Ketzer! Wer sich gegen die römische Kirche stellt, geht verloren. Außerhalb der römischen Kirche gibt es kein Heil. Doch ich sagte: Nein! Die römische Kirche ist nicht identisch mit den Christen! Sondern jeder, der an Jesus Christus glaubt, ist ein Christ – ganz gleich, welcher Kirche er angehört! Und jeder, der nicht an Jesus Christus glaubt, ist kein Christ, auch wenn er in einer Kirche ist und getauft ist.

Wenn ich so in eure Zeit schaue – ja, es macht mich schon traurig, in wie viele Kirchen, Freikirchen, Konfessionen sich die Kirche Jesu Christi gespalten hat. Und daran bin ich nicht unschuldig, obwohl ich niemals eine Kirchenspaltung gewollt habe. Aber eins ist klar und das ist ein großer Trost: Es gibt neben all diesen äußerlichen, menschlichen, Institutionen der sichtbaren “Kirche” noch die eine wahre Kirche, die ist unseren menschlichen Augen verborgen – das ist die wunderbare Gemeinschaft aller Kinder Gottes, all derer, die von Herzen an ihren guten Hirten Jesus Christus glauben und auf seine Worte hören! Und die kennt nur er allein: Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; (Johannes 10,27) Und die gibt’s in jeder Kirche! Egal ob römisch-katholisch, griechisch-orthodox, Lutheraner, Reformierte, Baptisten, Methodisten, Adventisten, Brüdergemeinden, Pfingstler und was weiß ich, was es alles in eurer Zeit da gibt! Jesus ist das Entscheidende! Und unser Herr kennt sie alle. Das ist die innerliche, die verborgene Kirche. In den äußeren, sichtbaren Kirchen – da gibt es natürliche viele Unterschiede und – durchaus auch Irrlehren. Und da muss man streiten! Und fürs Streiten müssen wir uns an die Bibel halten. Aber das Urteil, wer zu Jesus gehört, das steht Gott allein zu. Merkt ihr? So kann man im Reich Gottes auch unterschiedliche Ansichten und Meinungen aushalten! Leider habe ich mich selber nicht immer an meine Einsicht gehalten… Gott vergebe mir!
Als ich dann dem Dr. Eck sagte, dass auch Jan Hus, der hundert Jahre vorher als Ketzer verbrannt wurde, vieles Wahre und Richtige gesagt hat, was mit der Bibel übereinstimmt, da war der Ofen aus! Da schimpfte der Eck und schrie mich mit seiner eisernen Stimme an: “Luther, du bist ein Heide und Zöllner!”

So spitzte sich die Lage zu für mich. Es wurde immer brenzliger. Der Papst schoss mit schweren Geschützen auf mich! Er schickte mir im Frühjahr 1520 seine Bannandrohungsbulle. Klingt komisch. War auch komisch. Der wollte mir allen Ernstes androhen, mich aus der Kirche auszuschließen! Wo ich doch gerade erst deutlich gemacht habe: die Kirche Jesus Christi, darüber entscheidet Gott, wer dabei ist und wer nicht. Das entscheidet nicht der Papst oder ein Mensch! Na ja, so gab es dann ein schönes Feuerchen vor den Toren Wittenbergs, wo ich diesen ganzen Mist den Flammen übergab. Ich ärgere mich heute noch, dass ich nicht gleich ein schönes Spanferkel damit gegrillt hab.

 

Gottes Wort macht uns zu Priestern

Ich selber wollte ganz der Macht des Wortes vertrauen. Und dann hab ich geschrieben wie ein Weltmeister. Meine vielleicht wichtigsten reformatorischen Schriften sind in diesem Jahr 1520 entstanden.
“An den christlichen Adel deutscher Nation” zum Beispiel. Ihr denkt, das geht euch nicht an? Ihr seid nicht Adlige? Weit gefehlt! Diese Schrift finde ich wirklich wichtig für jeden. Denn darin habe ich vom “allgemeinen Priestertum aller Gläubigen” geschrieben. Klingt verstaubt? Klingt altbacken? Dann hört  genau hin: Es ist eine Revolution! Denn ich habe im Neuen Testament gelesen, dass jeder gläubige Christ ein Priester ist! Wie es unser Herr sagt Offenbarung Johannis:

Ihm, der uns liebt und uns erlöst hat von unsern Sünden mit seinem Blut
6 und uns zu einem Königreich gemacht hat, zu Priestern vor Gott und seinem Vater, dem sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

“Er hat uns zu Priestern gemacht.” Nicht nur ein paar besonders auserwählte geweihte und studierte Herren Theologen! Nein, jeder, der ein Kind Gottes ist, ist zugleich ein Priester: Das heißt, hat die Berufung und die Aufgabe, das Wort Gottes weiterzusagen, ob als Pastor, Bäcker, Polizist, Metzger, Fürst oder Bettelmann, Bauer oder König, Vater, Mutter, Schüler. Jeder kann ein Priester sein. Ein Priester sollte ja das Volk zu Gott bringen. Auch durch Gebet und Fürbitte. Ein Priester sollte Brücken bauen! Lateinisch heißt Priester “Pontifex”, das bedeutet “Brückenbauer”. Und das wollen wir auch. Im Alltag, im Leben! Wollt ihr auch Brückenbauer sein – hin zu Gott? Das habe ich in dieser Schrift den Adligen deutlich gemacht und sie an ihre Verantwortung erinnert, die sie für das Volk haben. Und letztlich war damit ein ganz neues Denken eingeleitet: Vor Gott sind alle Menschen gleich. So hat es ja dann in eurer Zeit mein Namensvetter Martin Luther King auch gesagt. “I habe einen Traum, nämlich den, dass alle Menschen gleich sind.” Das heißt übrigens nicht, dass in dieser Welt alle Unterschiede aufgehoben sind. Wohl aber in der Beziehung zu Gott! Da sind wir alle gleich. Da gibt es kein Oben und Unten.
Und dann noch eine andere Schrift, die mir sehr am Herzen lag: “Von der Freiheit eines Christenmenschen”. Doch davon ein andermal mehr…

Und so habe ich geschrieben und geschrieben.

 

Gottes Wort gibt Mut

Und dann? Ihr wisst es ja! Die andere Seite ließ nicht locker. Schließlich der Reichstag zu Worms. 1521. Ich sollte vor Kaiser Karl erscheinen. Und viele Freunde haben mir abgeraten: “Martin! Geh da bloß nicht hin! Du weißt, was sie damals mit Jan Hus gemacht haben. Die haben ihm freies Geleit zugesichert – und ihn dennoch dort als Ketzer verbrannt!” Aber ich fühlte mich ganz in Gottes Hand geborgen. Ich wusste: Es kann mir nichts anderes geschehen, als was mein Vater im Himmel zulässt.” Wer vor Gott kniet, der kann vor Menschen aufrecht stehen. Und so sagte ich forsch: “Und wenn so viel Teufel zu Worms wären als Ziegel auf den Dächern, so wollt’ ich doch hinein.” Und dann stand ich vor dem Kaiser. Ganz allein. Und hatte doch Angst. Ich war nicht der strahlende Held, für den ihr mich oft so haltet. Ich sollte widerrufen. Aber ich erbat mir eine Nacht Bedenkzeit. Doch am nächsten Tag war ich gewiss: Nein, ich kann nicht widerrufen, es sei denn, was im Widerspruch zur Heiligen Schrift steht. Ansonsten bin ich gebunden an das Wort Gottes und an mein Gewissen. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir.

Ich möchte euch auch Mut machen, dass ihr zu euerm Glauben steht, dass ihr ihn bekennt. Auch wenn es euch Nachteile bringt!

Mir kostete das Bekenntnis fast das Leben! Denn die Berater des Kaisers wollten ihn überreden, auch mich als Ketzer zu verbrennen. Doch er erklärte mich als vogelfrei, aber ließ mich immerhin ziehen.

Auf dem Rückweg wird es dann dramatisch. Plötzlich werde ich überfallen. Ein Mordanschlag? Nein, eine Entführung! Doch Gott sei Dank ist es mein Landesherr, Kurfürst Friedrich der Weise, der mich entführen lässt, um mich in Sicherheit zu bringen. In die Wartburg. Wie gut, wenn man in einer Burg geschützt ist. Und unser Glaube an Gott ist solch eine Burg! “Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.” So habe ich gedichtet.

 

Lest die Bibel!

Auf der Wartburg kam ich mir eingesperrt vor wie ein Vogel im Käfig. In meiner Verkleidung als Junker Jörg. Aber langweilig war es mir da nicht. Ich habe mich an die Arbeit gemacht. Ich konnte nicht anders. Das Feuer in mir brannte. Wie hieß es noch gleich beim Propheten Jeremia? “Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr.” Und dieses Feuer spürte ich in meinem Herzen, und dann machte ich mich daran, die Bibel zu übersetzen aus dem Griechischen ins Deutsche – damit sie jeder lesen sollte! In nur 11 Wochen übersetzte ich das Neue Testament. Und dann habe ich den Menschen mitgegeben: Lest die Bibel! Ich habe gesagt:
“Wenn du am Abend schlafen gehst, so nimm noch etwas aus der Heiligen Schrift mit dir zu Bett, um es im Herzen zu erwägen und es – gleich wie ein Tier – wiederzukäuen und damit sanft einzuschlafen. Es soll aber nicht viel sein, eher ganz wenig, aber gut durchdacht und verstanden. Und wenn Du am Morgen aufstehst, sollst du es als den Ertrag des gestrigen Tages vorfinden.”

Geht mit dem Wort Gottes zu Bett und steht mit dem Wort Gottes auf. Ich habe den Leuten gesagt: “Wie einer liest in der Bibel, so steht in seinem Haus der Giebel.” Der Giebel, der dem Haus seine Form gibt, der das Dach hält, der das ganze Haus zusammen hält. So ist es mit deinem Lebenshaus! Wie du liest in der Bibel, so steht in deinem Lebenshaus der Giebel.

 

Sine vi sed verbo – Ohne Gewalt, sondern durchs Wort!

Wenn doch die Menschen mehr die Bibel gelesen hätten! Stattdessen nahmen sie meine Schriften, rissen meine Worte aus dem Zusammenhang, und es war eine furchtbare Zeit, was dann geschah! Ausgerechnet in Wittenberg! 1522. Ausgerechnet einige meiner Freunde wie Professor Karlstadt und andere, ausgerechnet einige meiner Anhänger, die sind wie wildgewordene Säue durch die Gegend gehetzt und gejagt und meinten, man müsse nun die Veränderungen mit Gewalt durchsetzen! Sie hatten keine Geduld! Sie hatten keine Barmherzigkeit. Ihr Lieben, auch nötige Veränderungen brauchen Zeit, brauchen Barmherzigkeit, brauchen Liebe. Ja, Kirche muss sich immer verändern. Weil sich die Welt verändert, weil die Menschen sich verändern. Und wenn die Kirche bei den Menschen sein soll, dann muss sie sich auch verändern – in den Formen! Es geht nicht um den Inhalt. Da gilt das ewige, unvergängliche Wort Gottes. Aber die Formen, die Verpackung, die ändert sich. Aber bitte, bitte: mit Liebe und Geduld. Meine Freunde haben das nicht verstanden. Und dann sind sie in die Kirchen und Klöster geeilt und haben alle Bilder von den Wänden gerissen, weil sie meinten, die Bilder verstoßen gegen Gottes Gebote. Sie wollten einen Veränderung des Abendmahls erzwingen, und es gab Unruhen, es gab Gewalt.

Und dann blieb mir nichts anderes übrig. Ich musste den Schutz der Burg verlassen, musste mich auf den Weg machen, musste selber nach Wittenberg, damit wieder Ruhe und Ordnung hergestellt wird. Es war gefährlich. Mein lieber, von mir so geschätzter Kurfürst Friedrich der Weise, der schrieb mir: “Junge, das ist viel zu gefährlich! Lass das bitte. Und wenn doch, dann gebe ich dir Geleitschutz!” Doch ich habe darauf geantwortet – hm, schon fast ein bisschen frech: “Durchlauchtigster, Hochgeborner Kurfürst, Gnädigster Herr! Ich hab von euern Bedenken erfahren. Besten Dank auch. Aber ich brauche euern Schutz nicht! Denn ich stehe unter einem gar viel höheren Schutz! Gott geht mit. Macht’s gut, wenn Ihr mal meinen Schutz braucht, meldet euch ruhig…”
Und dann kam ich nach Wittenberg in das Chaos. Und ich hatte nur ein Anliegen: zu predigen! Ich habe angefangen zu predigen. Am Sonntag Invokavit (= “Gott sagt: Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören, Psalm 91) ging’s los. Und dann täglich! Denn nur durch das Wort konnte wieder Frieden und Ruhe entstehen. Nur durch das Wort können Menschenherzen verändert werden. Und meine große Überschrift hieß: Sine vi, sed verbo. – Ohne Gewalt, sondern nur durch das Wort! So gilt’s im Reich Gottes! Denn das Wort Gottes braucht keine Gewalt – es ist eine Gewalt. Eine große Macht. „So wirkt Gott“, habe ich gesagt, „mit seinem Wort mehr, als wenn du und ich alle Gewalt auf einen Haufen brächten. Das Wort hat Himmel und Erde geschaffen und alle Dinge, das muss es tun und nicht wir armen Sünder. “

Die Macht des Wortes, das die Welt bewegt.

Und in der Tat: Es ist ein wenig Ruhe eingekehrt.

 

Wie lese ich die Bibel?

Und später habe ich denjenigen, die sich für ihre Untaten auf die Bibel – vor allem auf Stellen aus dem Alten Testament – berufen haben, wie dann Thomas Müntzer und solchen Rottengeistern, gesagt: Ja, wenn ihr in der Bibel lest, dass das Volk Israel an einigen Stellen auch zur Gewalt aufgerufen wird, dass ihm befohlen wird, Städte zu erobern und auch Menschen zu töten, dann lest nur ein wenig genauer! Ja, es ist zwar alles Gottes Wort, wahr ist’s. Aber Gottes Wort hin oder her, ich muss doch wissen und achthaben, zu wem das Wort Gottes geredet wird. Du musst schon genau hinschauen: In welcher Zeit ist es warum und zu wem gesagt! Du musst schon bei Gottes Wort fragen: Was dir gilt und was nicht dir gilt!

Tja  – und natürlich: Es gibt in der Heiligen Schrift auch Stellen, da komm ich auch nicht weiter, ganz ehrlich, das sind auch für mich dunkle Stellen, die ich nicht verstehe. Doch dann gehe ich weiter zu den hellen Stellen, die ganz klar und verständlich sind. Ich lese die Bibel, wie ich meinen Apfelbaum ernte: Ich schüttle ihn, und was runterkommt und reif ist, das nehme ich. Das andere lasse ich noch hängen. Wenn ich eine Stelle der Bibel nicht verstehe, ziehe ich den Hut und geh vorüber zu den Stellen, die hell leuchten. Und die eine Macht haben, ein Leben zu verändern, ja, die Welt zu verändern!

Die Macht des Wortes Gottes!

 

Zum Abschluss

Ihr Lieben, es wird Zeit mich für heute zu verabschieden. Ich komm ein ander Mal wieder. Dann werde ich euch auch berichten müssen, dass es nicht immer so geklappt hat mit diesem “sine vi, sed verbo” – “ohne Gewalt, nur durch das Wort”. Da haben sich nicht alle dran gehalten. Und auch ich selber habe Fehler gemacht, vor allem bei den Bauernkriegen. Davon wann anders mehr.

Doch eins noch zum Abschluss: Ich habe wirklich viel in der Bibel gelesen. Aber langweilig ist es mir dabei nie geworden. Als ich schon ein wenig älter war, hab ich mal gesagt: “Ich hab nun 28 Jahr, seit ich Doktor der Theologie geworden bin, stetig in der Biblia gelesen und so viel daraus gepredigt, doch bin ich ihrer immer noch nicht mächtig und find’ noch alle Tage etwas Neues drinnen.”

Wir leben ganz aus Gottes Wort. Wir sind Bettler, das ist wahr. Drum vertrauen wir doch der Macht des Wortes!

Amen.

 

 
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