Die Letzten werden die Ersten sein

Gottesdienst am Sonntag, 24.01.2016

Thema: Die Letzten werden die Ersten sein

Text: Matthäus 19,27-30

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

 

Liebe Gemeinde!

Von Walt Disney, dem erfolgreichen Unternehmer, wird erzählt, dass auf seinem Schreibtisch ein Aquarium stand. Wenn seine Besucher und Geschäftspartner ihn fragten, weshalb er gerade Fische vor sich aufstelle, soll er geantwortet haben: „Es ist beruhigend, Wesen um sich zu haben, die nicht jedes Mal, wenn sie den Mund auftun, eine Lohnerhöhung fordern!“ – Obwohl Petrus aus dem Fischermilieu kam, machte er den Mund auf und schnitt das heikle Thema „Lohn“ an. Seine Frage: Was habe ich davon, wenn ich dir, Jesus, nachfolge? Was springt denn für mich letzten Endes heraus? Lohnt sich das, oder ist es am Ende doch nur vergebliche Liebesmüh? Es ist wohl eine Frage, die auch heute immer wieder in uns steckt, vielleicht noch mehr als damals – weil unsere Zeit noch viel mehr von diesem Denken geprägt ist: Was hab ich davon? Was bringt’s? Was ist der Lohn? Lohnt sich der Glaube? Was bringt mir der Glaube ein? Lohnt sich das Vertrauen in Gott, das Beten, der Besuch von Gottesdiensten, das Bemühen um ein christliches Leben…? Ist es letzten Endes die Mühe wert? Was hab ich davon? Das genau sind die Fragen von Petrus in unserem heutigen Predigttext, Matthäus 19:

 

27 Da fing Petrus an und sprach zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns dafür gegeben?
28 Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet bei der Wiedergeburt, wenn der Menschensohn sitzen wird auf dem Thron seiner Herrlichkeit, auch sitzen auf zwölf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels.
29 Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen, der wird’s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben.
30 Aber viele, die die Ersten sind, werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein.

Was ist der Lohn? Lohnt sich der Glaube? Was bringt mir der Glaube ein? Sind das auch manchmal unsere Fragen? Vielleicht finden wir uns wieder in dem Lied, das wir uns jetzt anhören werden. Worte von Manfred Siebald, gesungen von Cae Gauntt:

Leise, manchmal frag ich leise:
Lohnt mit Dir die Reise
Eigentlich?

Breiter, war der Weg nicht breiter,
mein Gewissen weiter
ohne Dich?

Gebe ich für dich nicht mehr,
als ich je bekomme, her?
was bringt mir mein Glaube ein?

Du legst mir die Hand auf die Schulter,
schaust mich an und bist einfach hier,
gibst mir Zeit,
gibst mir die Ewigkeit,
bis ich seh, dass ich nichts verlier.

Enger, ist der Weg nicht enger,
ist er nicht auch länger,
wie mir scheint?
Leerer, ist die Welt nicht leerer?
Finde ich nicht schwerer
einen Freund?

Gott, du sagst, du gibst mir mehr,
gabst Dich selber für mich her,
bist mir Vater, Herr und Freund.

Du legst mir die Hand auf die Schulter,
schaust mich an und bist einfach hier,
lässt mir Zeit,
zeigst mir die Ewigkeit,
bis ich seh, dass ich nichts verlier.

Hilf mir zu glauben, dass es stimmt,
dass dir mein Herz zu Recht vertraut,
dass Deine Hand nur das mir nimmt,
was mir den Weg zu Dir verbaut.

Du legst mir die Hand auf die Schulter,
schaust mich an und bist einfach hier,
lässt mir Zeit,
zeigst mir die Ewigkeit,
bis ich seh, dass ich nichts verlier.

 

Leise, manchmal frag ich leise, lohnt mit dir die Reise eigentlich? Gebe ich für dich nicht mehr, als ich je bekomme, her? Was bringt mir der Glaube ein? – Das sind ganz genau die Gedanken des Petrus.

1) Für Jesus das letzte Hemd hergeben

Mit dieser Redewendung lässt sich gut zusammenfassen, was Petrus meint: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt

Das Hemd war früher ein langes, faltiges Unterkleid, das auch als Hauskleid diente. Die Straßenkleider wurden also im Haus ausgezogen bis aufs Hemd. So wurde dieses allmählich zum Sinnbild der letzten und äußersten Dinge, die ein Mensch besitzen, hergeben und verlieren kann. Und Petrus war bereit, für Jesus alles herzugeben. Er hat seinen Beruf aufgegeben und damit auch seine Existenzgrundlage, seine Altersvorsorge, seine Zukunft. Drei Jahre nun war er schon mit Jesus umhergereist. Und nun stellt sich allmählich dieses leise Fragen ein: Wozu das alles? Lohnt es sich? Bedenken wir: Direkt vor dieser Geschichte ist der Bericht vom “reichen Jüngling”: Da kommt ein reicher, junger Mann zu Jesus und fragt: “Meister, was soll ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe?” – Und dann zählt er auf, was für ein toller Hecht er ist, wie sehr er Gottes Gebote hält. Und Jesus sagt: “Gut, dann gehe hin und verkaufe, was du hast und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben!” Doch das ging ihm zu weit! Bei aller Liebe – so nicht! Jesus, ja, ein bisschen an dich glauben, ein bisschen mit dir gehen – das wäre okay, aber doch nicht so vollständig, so radikal, so ganz und gar. Und dann geht er traurig weg. Und nun schaltet sich Petrus ein: “Jesus, wir, wir haben das doch gemacht! Wir haben alles aufgegeben! Wir sind die Ersten, die Besten. Wir sind bereit für dich das letzte Hemd herzugeben! Was kriegen wir dafür?” Wo bleibt der Lohn? Wir fordern Lohnerhöhung!

Ich frage mal: Ist das nicht verständlich? Und wenn wir vielleicht die Nase rümpfen und den Kopf schütteln und denken: Dieser Petrus schon wieder. Das ist doch das Letzte! Denkt schon wieder an seinen eigenen Vorteil, dann sollten wir ganz ehrlich sein: Ich glaube, dieses Lohndenken steckt sehr tief und oft in uns drin. Denn es ist doch wirklich so: Glaube, wenn wir ihn ernst nehmen, dann ist das doch nicht nur Vergnügen, dann ist das doch kein Zuckerschlecken, dann ist das doch nicht nur ein Spaziergang. Ja, Glaube kostet was. Er kostet eine ganze Menge: Er kostet Zeit, Einsatz, Risikobereitschaft, Vertrauen in jemanden, den wir gar nicht sehen können, er kostet Hingabe, vielleicht kostet er manchmal auch Freunde. Es kostet euch Konfis was, wenn ihr in der Klasse euch zum Glauben an Jesus bekennt: Da kann man auch schon mal ausgelacht werden! Ich erinnere mich, als ich in die 5. oder 6. Klasse ging, hatte ich mal ein Sweatshirt an, da stand was von Jesus drauf. Und an der Bushaltestelle, da waren die großen Jungs, die machten sich auf einmal darüber lustig: “Jesus? Was soll’n der Scheiß?” Und dann kam einer dicht ran an mich, ich bekam Angst, und dieser Typ spuckte mich einfach an. Widerlich. Glaube kostet was, wenn wir ehrlich sind im Alltag. Nicht in der Autowerkstatt ohne Rechnung schwarz reparieren lassen, um die Mehrwertsteuer zu sparen. Oder in der Firma uns dem zuwenden, der der Außenseiter ist. Wenn wir mit unserem Einsatz für Kinder, auch für ungeborene Kinder, für die Familie, für Ehe in unserer Gesellschaft gegen den Strom schwimmen. Glaube kostet. In vielen Ländern sogar das Leben! Demgegenüber sind die Kosten für den Glauben hier in unserm Land geradezu verschwindend!

Dennoch: Es ist doch verständlich zu fragen: Was bringt es mir, wenn ich für meinen Glauben alles hergebe, das letzte Hemd hergebe? Und mir sind einige Menschen vor Augen, die mit Jesus im Clinch liegen: Jesus, ich glaube doch an dich – und warum bekomme ich denn keine Arbeitsstelle? Ich bete doch schon so lange darum… Jesus, ich glaube an dich – warum geraten meine Kinder nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe, warum scheitern sie in der Schule und wenden sich so ab von mir? Ich bin doch immer für dich da, wo bleibt der Lohn? Jesus, ich glaube an dich – warum kommt denn mein Mann nicht zum Glauben, obwohl ich so lange dafür bete? Warum geschieht die Heilung nicht, nach der ich mich so sehne? Wo bleibt der Lohn?

 

2) Was bleibt zu guter Letzt?

Und nun ist es wirklich überraschend, wie Jesus antwortet. Er tut diese Fragen nicht ab. Er sagt nicht: Mensch, Petrus, was soll denn so ‘ne Frage? Du bist doch mein Freund – da fragt man doch nicht nach Lohn! Das ist doch eine Beleidigung! – Nein, so antwortet Jesus nicht. Er sagt: Ja, es gibt Lohn! Es lohnt sich, mit mir zu gehen. Es ist also im Glauben nicht verboten, über Lohn zu reden. Im Eingangslied haben wir es gesungen, wie Jochen Klepper dichtet: “Er will vollen Lohn mir zahlen” (EG 452,5). Und im Lied “Anker in der Zeit”, das wir ja auch öfter hier singen, heißt es: “Es gibt für unsre Treue ewgen Lohn”. Und Jesus sagt: 29 Und wer alles verlässt um meines Namens willen, der wird’s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben. Im Markusevangelium kommt noch deutlicher zum Ausdruck, dass es im Grunde ein doppelter Lohn ist: Schon in dieser Zeit und erst recht in der Ewigkeit! Also nicht “nur” in der Ewigkeit, im Himmel, Jenseitsvertröstung. Nein, schon hier auf der Erde lohnt sich der Glaube. Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker verlässt um meinetwillen und um des Evangeliums willen,

30 der nicht hundertfach empfange: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgungen – und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.

Also, wenn uns durch den Glauben etwas genommen wird: Manchmal sogar die Familie, etwa in Verfolgungszeiten: Da kommt etwa eine junge muslimische Mutter in einem arabischen Land zum Glauben an Jesus, und sie wird aus ihrer Familie verstoßen, muss ihre Kinder verlassen. Schrecklich! Aber es gibt für sie keine andere Möglichkeit, denn sie kann Jesus nicht mehr verleugnen. Sie wird weiter für ihre Kinder und Familie beten. Und nun sagt Jesus: Jetzt in dieser Zeit empfängst du schon eine neue Familie… Sie findet Anschluss an eine kleine Untergrundgemeinde und erlebt dort, wie die Gemeinde ihre Familie wird. Wie sie dort Liebe und Zuwendung, Trost und Hilfe findet. In dieser Zeit. Und ich bin überzeugt: Auch hier bei uns: Wenn ein Mensch zum Glauben an Jesus findet und sich manches verändert, wir vielleicht manches hergeben, loslassen müssen, dann kann uns Jesus guten Ersatz geben. Und dann kann eine Gemeinde auch zu einer Familie werden, ein Ort, wo man neue Freunde findet. Und ich wünsche mir so sehr, dass das auch in unserer Gemeinde geschenkt wird. Ich habe leider jetzt schon öfter gehört, dass Menschen zu uns kommen in unsere Gottesdienste und dann beim Kirchkaffee sind, alleine, fremd, und keiner spricht sie an! Da kommt es vor, dass da jemand steht, an einem Bistrotisch, hinter seiner Kaffeetasse, und er steht da, alleine, und wartet… Eine halbe Stunde lang – und keiner stellt sich mal dazu und fragt: Wie heißen Sie, woher sind Sie…? Und das ist nicht nur einmal passiert. Das macht mich traurig. Ich denke, da müssen wir als Gemeinde unbedingt dazu lernen. Damit Menschen, die zu Jesus finden und dabei manches loslassen, manches verlieren, dass sie auch etwas gewinnen: Freunde, Schwestern, Brüder! Eine neue Familie. Denn das ist Lohn der Nachfolge.

Und den größten Lohn gibt es in der kommenden Welt: Das ewige Leben. Das wiegt allen Verlust auf! Darauf vertrau ich fest! In Gottes neuer Welt (Jesus spricht von der Wiedergeburt der Welt – da wird eine ganze Welt neu geboren!), eine Welt ganz erfüllt vom Glanz seiner Herrlichkeit, ohne Trauer, Tränen, Leid, Krankheit und Schmerz. Ohne Mobbing, Misshandlung, Missbrauch. Ohne Krieg und Terror und Gewalt. Da will ich dabei sein. Dafür lohnt sich aller Einsatz. Das bleibt zu guter Letzt. Und wer jetzt im Glauben an Jesus Unterdrückung und Verfolgung erlebt, wird erleben, dass er bei Gott ein König ist. Das meint Jesus mit diesem Bild: Ihr werdet sitzen auf zwölf Thronen!

An Jesus glauben – das lohnt sich.

Doch nun kommt Jesus noch mit einer überraschenden Wendung am Schluss:

 

3) Die Letzten werden die Ersten sein

30 Aber viele, die die Ersten sind, werden die Letzten und die Letzten werden die Ersten sein.

Wenn ihr schon an Lohn und Belohnung denkt, liebe Jünger, dann passt genau auf: Ja, es gibt Lohn für euren Glauben. Im Übermaß. Hundertfach. Aber Gottes Tarifregelungen sind so ganz anders als ihr Menschen denkt. Da hat auch die Gewerkschaft der Glaubenden nix mitzubestimmen. Die Lohnverteilung legt der Chef allein fest. Ihr denkt vielleicht: Wer viel leistet, kriegt viel! Je frömmer, desto mehr! Leistung muss belohnt werden! Und viel Glaubensleistung muss doch umso mehr belohnt werden. Das ist sehr menschlich gedacht. Wenn wir die Bibel lesen, merken wir: Diese Rechnung geht nicht auf! Direkt nach unserer Geschichte kommt das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Da rackern welche den ganzen Tag, 12 Stunden, in glühender Hitze im Weinberg Gottes. Und andere kommen erst kurz vor Schluss, und sind gerade mal eine Stunde dabei. Und am Schluss kriegen auch die den vollen Lohn!

Da ist der verlorene Sohn, der seinen Vater so bitter enttäuscht hat, der das ganze Erbe in Saus und Braus verprasst hat, und er kehrt um – und kriegt eine riesige Fete! Und der andere, der brave Sohn steht missgünstig und mürrisch daneben. Die Letzten werden die Ersten sein!

Oder da ist Paulus. (Morgen, am 25. Januar, ist seit Jahrhunderten der Gedenktag der Bekehrung des Paulus – und dazu gehört eigentlich auch der heutige Predigttext.) Paulus gehört auch zu den Letzten. Er war ein Verfolger, er war der Schlimmste. Er sagt: Ich bin der letzte, der geringste aller Apostel, der ich nicht wert bin, ein Apostel zu heißen (1. Kor. 15,9). Und den hat Gott erwählt zum großen Apostel für die Heiden! Die Letzten werden die Ersten sein!

Jesus sagt diese Worte, nicht um Tarifverhandlungen zu führen, sondern als liebevoller Seelsorger. Er will diejenigen von uns, die fest im Glauben stehen, die ihm engagiert und mit großem Einsatz nachfolgen, warnen: Seid nicht stolz, bildet euch nichts darauf ein! Verachtet nicht die andern, die noch nicht zum Glauben gefunden haben.

Und er will die andern, die noch auf der Suche sind, die noch unterwegs zum Glauben sind, ermutigen: Auch wenn ihr die Letzten seid, es ist noch nicht zu spät. Wagt es mit dem Glauben, fangt an! Es lohnt sich, ich hab euch lieb! Ich suche die letzte Reihe! Die Letzten und die Verletzten. Und uns allen sagt er: Denkt am besten gar nicht an Lohn. Denn Liebe fragt nicht nach Lohn. Stellt euch einen von ganzem Herzen Verliebten vor. Und dann sagt er zu seiner Liebsten: “Schatz, ich liebe dich über alles. – Was krieg ich denn dafür?” Das passt irgendwie nicht.

Darum zuletzt: Ja, unser Glaube, unsere Treue, unsere Nachfolge wird überreichen Lohn haben. Aber: Liebe fragt nicht nach Lohn.

Amen.