Der Himmel reißt auf

Gottesdienst am Sonntag, 04.12.2016 (2. Advent)

Thema: Der Himmel reißt auf

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Jesaja 63,15-64,3

 

Liebe Gemeinde,

es war ein 2. Advent. So wie heute. Damals war der 2. Advent ein 7. Dezember. Und es war vor genau 75 Jahren. Ein Stück Paradies auf Erden. Hawaii. Doch an jenem Morgen verdunkelte sich der Himmel über Hawaii ganz plötzlich. Aus heiterem Himmel. Es waren dunkle Gewitterwolken der besonderen Art: Während gerade die ersten Gottesdienste in Pearl Harbor gefeiert werden, tauchen 360 japanische Kampfbomber am Horizont auf – sie alle geschmückt mit der aufgehenden Sonne Japans. Doch für die Hafenstadt geht nicht die Sonne auf. Der Himmel verfinstert sich. Es erfolgt der völlig überraschende und heimtückische Luftangriff auf die US-Pazifikflotte. Bilanz an jenem 2. Adventssonntagmorgen: Über 2.400 Tote, und der schreckliche Krieg wird nun durch die erzwungene Teilnahme der USA endgültig zum Weltkrieg.

Mitsuo Fuchida – so hieß der japanische Pilot, der im Dezember 1941 voller Hass auf Amerika den Angriff auf Pearl Harbor leitete.

75 Jahre sind seitdem vergangen. Und immer noch gibt es so viele Kriege und so viel Hass auf dieser Welt. Angst und Gewalt. Die Menschheit ändert sich nicht. Schon vor über zweieinhalbtausend Jahren kennt Jesaja ähnliche Gefühle. Er wartet darauf, dass sich was ändert. Dass der finstere Himmel aufreißt und endlich die wirkliche Sonne aufgeht. Dass Gott selbst den Himmel zerreißt, herabkommt und Frieden schafft. Der Predigttext für diesen 2. Adventssonntag steht bei Jesaja, Kapitel 63,15ff. Und es ist ein einziger Hilfeschrei – an Gott gerichtet.

15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.
16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.
17
 Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!

[…]

Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden. […]
3
  Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

“Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab!” Was für ein Hilfeschrei! Das scheint so gar nicht in die Adventszeit zu passen, wo alles so gemütlich ist. Kerzenschein und Glühweinduft. Aber es trifft doch das Lebensgefühl von Menschen, die Leid erfahren, denen der Himmel verschlossen ist, denen Gott fremd scheint. Und gerade in der Adventszeit geht es doch um das Kommen Gottes in diese Welt! Danach sehnen wir uns! So ist es auch kein Zufall, dass das Adventslied, das wir gerade gesungen haben, genau nach diesen alten Jesajaworten gedichtet wurde: “O Heiland, reiß die Himmel auf, herab vom Himmel lauf!” Manchmal erscheint uns der Himmel verschlossen. Zu. Verriegelt. “Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für.” Der Himmel verriegelt.

Ich möchte zwei verschiedene “Himmel-verriegelt-Erfahrungen” schildern.

 

1) Reiß den Himmel auf – bei dunklen Wolken des Leids!

Wenn wir in unsere Welt schauen, dann können wir angesichts von so viel Leid nur einstimmen in die Worte Jesajas: “Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?” Jesaja sah in prophetischer Weitsicht das Schicksal Israels. Das zerstörte Land nach dem babylonischen Eroberungsfeldzug. Er sah auch noch viel weiter. Wie Gottes Volk durch die Jahrhunderte vertrieben, bedroht, bedrängt, verfolgt, angefeindet, gefoltert, ermordet wurde. Bis hin nach Auschwitz. Und Gott scheint tatenlos zuzuschauen. Gott, den wir den “Allmächtigen” nennen, wirkt seltsam ohnmächtig. “Wo ist nun deine Macht?” fragt Jesaja. Der Himmel ist zu – verschlossen von dunklen Wolken des Leids auf dieser Erde.

Doch wir brauchen da nicht nur an das große Weltgeschehen und an Israel denken. Denken wir an so viel Leid im Leben von Menschen, die uns nahestehen. Und bestimmt sind auch heute Morgen hier unter uns Menschen, für die der Himmel von dunklen Wolken verschlossen scheint. “Gott, wo ist nun deine Macht?”.

Ich denke an eine Familie, wo der Vater mal vor vielen Jahren bei mir in die Jungschar ging. Ein Freund hat mir kürzlich von ihnen berichtet. Eine glückliche und sehr fröhliche Familie. Eigentlich. Drei kleine lebensfrohe Kinder. Dann völlig aus heiterem Himmel erging es ihnen wie Pearl Harbor an jenem 2. Adventsmorgen, ist das Paradies zu Ende: Aus heiterem Himmel tauchen plötzlich dunkle Wolken am Horizont auf. Vergleichbar mit einem ganzen Bombengeschwader, das Leid und Zerstörung bringt: Bei der ältesten Tochter, gerade dreieinhalb Jahre alt, wird ein Hirntumor festgestellt. Doch sie sind gläubige Menschen. Sie wissen, an wen sie sich wenden können. Gott ist doch der Allmächtige, der alles kann. Und so beten sie wie die Weltmeister. Und so viele im Freundes- und Bekanntenkreis beten mit. Gemeinden beten mit. Man bestürmt Gott. Und so sind sie gewiss: Gott wird eingreifen. Ein Wunder tun. Er wird heilen.

Doch es kommt anders. Am Anfang dieses Jahres stirbt das kleine Mädchen mit gerade mal vier Jahren. Da wird der Glaube aufs Tiefste erschüttert. Da wird der Glaube auf eine harte Probe gestellt. Wir glauben doch an einen barmherzigen Vater! Und Jesaja spricht von der “großen, herzlichen Barmherzigkeit”. Doch er sagt zugleich: “Deine große, herzliche Barmherzigkeit stellt sich hart gegen mich.” Der Himmel ist zu. Ist das nicht eine Erfahrung, die manche hier auch kennen? Von Gottes Barmherzigkeit ist nichts zu spüren – angesichts von dunklen Wolken des Leids im persönlichen Leben!

Und dann gibt es noch eine zweite Erfahrung, die den Himmel verschlossen und verriegelt erscheinen lässt.

 

2) Reiß den Himmel auf – bei grauem Nebel des Zweifels!

Es gibt auch das Erleben eines verschlossenen Himmels, selbst ohne große persönliche Leiderfahrungen. Das ist dann wie ein Nebel der aufzieht. Ein Nebel des Zweifels. Wenn man plötzlich die Fragen hat: Stimmt das alles mit Gott? Ist er wirklich da? Wenn das Gebet zur inhaltslosen Routine wird. Wenn wir Fragen haben, aber keine Antworten bekommen. Wenn wir in der Gemeinde nur noch die Gemeinschaft mit anderen Menschen suchen, mit Freunden und netten Leuten – aber nicht mehr die Gemeinschaft mit Gott, weil wir sie eh nicht mehr zu finden meinen. Wenn wir vor Entscheidungen stehen und vom Himmel keine Hilfe bekommen.

Auch hier denke ich an einen Freund, mit dem ich mich vor kurzem lange unterhalten habe. Er erzählte aus seinem Leben und aus seiner Ehe. Und er erzählte von schwierigen Fragen, wo er einfach keine Lösung sieht und wie er seit Monaten betet – aber Gott schweigt. Gott gibt ihm irgendwie keine Antwort. Wo einfach keine Lösung in Sicht ist. Wo der Nebel den Blick auf den Himmel völlig versperrt. Er zweifelt nicht an der Existenz Gottes. Aber er zweifelt: “Gott, interessierst du dich überhaupt für mich? Oder bin ich dir egal?” – das war die große Frage.

Vielleicht kennst du das auch. Da hat man früher durchaus wirklich gute Erfahrungen mit Gott gemacht. Aber es scheint schon so lange her! Genauso wie bei Jesaja und dem Volk Israel damals. Man wusste von Abraham und von Mose, was die alles mit Gott erlebt hatten! Von der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, dem Urdatum der Geschichte Israels. Was hat Gott mächtig gewirkt und Wunder getan! Aber es ist schon sooo lange her! Und das half nun nichts mehr. Jesaja sagt: “Abraham weiß nichts von uns!” Es hilft mir doch heute nicht, was Gott früher gemacht hat und was Abraham erlebt hat!

Ich befürchte, dass unser Glaube manchmal ein “Glaube aus der Konserve” ist! Das heißt, wir glauben und leben weitgehend von den Erfahrungen, die wir oder andere früher mal mit Gott gemacht haben. Sicher, das ist ja auch nicht schlecht. Es ist gut, dass es das überhaupt gibt, dass Menschen etwas mit Gott erlebt haben und das bezeugt haben. Aber auf Dauer nur aus Konservenbüchsen leben – das schmeckt nicht! Etwas Frisches braucht der Mensch! Etwas Frisches braucht unser Glaube! Deshalb schreit Jesaja: “Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab!” Ich will dich selbst erleben, ich will dich neu erleben. Komm, komm vom Himmel herab!

Es ist dieses Gefühl, das eigentlich mit ganz ähnlichen Worten auch in einem erfolgreichen Song der Gruppe Silbermond zum beschrieben wird. Da wird der Alltag eines Menschen beschrieben, der auf der Suche nach dem offenen Himmel ist. Weil er beim ewig gleichen Alltagstrott, 365 Tage im Jahr, fragt: Wofür eigentlich?

Wann reißt der Himmel auf?
Auch für mich, auch für mich.
Wann reißt der Himmel auf?
Sag mir wann, sag mir wann.

 

3) Advent heißt: Der Himmel reißt auf, wenn Jesus kommt!

Jesaja hält in all seiner Klage an Gott fest. Er sagt:

3  Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Das heißt, er rechnet damit, dass Gott eingreift auf eine Weise, die ein Mensch sich nicht vorstellen kann. Völlig überraschend, völlig anders. Denn wir haben einen Gott, der sich unserm Denken entzieht. Jesaja bekommt einiges gezeigt, er ahnt einiges von dem Aufreißen des Himmels, wenn der Messias kommt. Er sagt zum Beispiel: “Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.” Immanuel – das heißt: Gott mit uns. Jesaja spürt also: Da kommt noch was. Da geht noch was. Der Himmel wird aufreißen. Gott lässt uns hier unten nicht allein. Und Jesaja bekommt gezeigt, dass das etwas mit einem Kind zu tun hat. Wir wissen es ja inzwischen genauer: Da ist der Himmel aufgerissen in jener Nacht in Bethlehem! Als Gottes Sohn geboren wurde! Das riss der dunkle Nachthimmel dieser Welt auf – wortwörtlich, vor den Augen der Hirten, als die Engel in hellem Licht erschienen: Euch ist heute der Retter geboren!

Und wie ist das nun bei uns heute? Wie ist das nun angesichts der dunklen Wolken des Leids? Wie ist das nun angesichts des grauen Nebels des Zweifelns? Ich glaube, dass auch da und hier der Himmel aufreißen kann! Wir sind noch nicht da angekommen, wo der Himmel weltweit – für alle sichtbar – aufreißt und der Himmel auf Erden anbricht und Gottes Friedensreich beginnt. Da sind wir noch nicht. Da werden wir erst hinkommen, wenn Jesus wiederkommt.

Aber schon jetzt: Wo Jesus hinkommt, da erleben wir das: dass der Himmel aufreißt. Die Beispiele, die ich genannt habe: Sie zeigen das! Schauen wir ihn uns noch mal an, diesen Mitsuo Fuchida. Dieser japanische Kommandant der 1. Angriffswelle auf Pearl Harbor. Zerfressen von Hass auf Amerika. Dunkel sein Leben. Erst recht, als der Krieg für Japan verloren war. Und dann der schreckliche Atombombenabwurf auf Hiroshima. Er war hinterher mit einer Untersuchungskommission am Ort des Grauens. Und nun wollte er beweisen, dass doch alle Menschen gleich schlecht sind. Dass die Sieger Kriegsverbrecher sind. Um Beweise zu sammeln, interviewte er japanische Soldaten, die in den Vereinigten Staaten in Kriegsgefangenschaft gewesen waren. Anstatt Gräueltaten zu erfahren, hörte er wiederholt von einer Christin, die das Gefangenenlager besuchte, sie freundlich behandelte und ihnen ein christliches Buch schenkte, Neues Testament genannt.

Als die Gefangenen diese Amerikanerin fragten, warum sie so gut zu feindlichen Gefangenen sei, erzählte sie ihnen, dass ihre Eltern Missionare auf den Philippinen gewesen und von Japanern hingerichtet worden waren. Und dass sie von ihren Eltern ein Vermächtnis mitbekommen hatte: Nämlich die Feinde zu lieben. Als Mitsuo Fuchida das hörte, wurde er neugierig. Er besorgte sich ein Neues Testament und fing an zu lesen. Als er zu Lukas 23,34 kam, las er: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.« Und er spürte: Bei diesem Jesus, der so voller Liebe für seine Mörder war, da reißt der Himmel auf. Da bricht durch die dunklen Wolken von Hass und Rache das Licht der Liebe und Vergebung und Versöhnung. Da hat er erlebt: Er ist Christ geworden und hat selber für seine schlimmen Taten Vergebung empfangen. 4 Jahre nach Kriegsende, 1949. Ein glühender Feind Christi erkannte nun, dass Gott es war, der den Himmel aufreißt. Mitsuo Fuchida verbrachte den Rest seines Lebens damit, auf der ganzen Welt davon zu predigen, wie der Himmel aufreißt, wenn Jesus kommt. In sein Leben ist Jesus gekommen.

Und wie ist das bei jener Familie? Ist da der Himmel denn auch aufgerissen? Das Kind ist tot! Es gab kein Wunder einer Auferweckung. Mein Freund erzählte mir, wie die ganze Familie völlig durch den Wind war, als sich abzeichnete, dass das erhoffte und erbetete Wunder ausbleibt. Verzweiflung und Enttäuschung. Doch eine aus der Familie strahlte Zuversicht auf: Das kranke Mädchen selbst. Sie sagte noch, bevor sie gestorben ist – ihr kleines Gesicht war schon sehr vom Tumor entstellt: “Bald werde ich Jesus sehen.” Das ist der Satz, an den man sich klammern kann. Und mitten in den dunklen Wolken des Leids und des Todes reißt der Himmel auf: Bald werde ich Jesus sehen.

Und was ist mit den Zweifeln, die mein Freund hatte, weil er Gott nicht spüren kann? Wir haben einen langen Spaziergang gemacht. Und als wir uns am Abend verabschiedet haben, da sagte er: Mensch, das war richtig gut. So eine Freundschaft hilft. Sich mal über alles ausquatschen zu können. Ich hatte den Eindruck: Da lichten sich die Nebel. Da reißt der Himmel ein Stück weit auf.

Und so kann in diesem Advent, schon jetzt und hier, in dieser Zeit, wo auch immer der Himmel verschlossen scheint, da der Himmel aufreißen, wo Jesus kommt!

Und am Ende der Zeit wird der Himmel für alle aufreißen, wir haben es im Evangelium gehört: “Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.” (Lukas 21,28). Darauf freu ich mich schon jetzt. Bis dahin will ich dran festhalten – schon jetzt und hier: Wo Jesus kommt, reißt der Himmel auf.

Amen.

 

 

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