Das große Geheimniss

Gottesdienst am Sonntag, 03.01.2016

Thema: Das große Geheimnis

Text: Epheser 3,2-9

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Liebe Gemeinde,

Geheimnisse – sie ziehen uns in ihren Bann. Geheimnisse sind faszinierend.

Jedes Jahr kommt für US-Präsident Barack Obama der Tag, an dem er erfährt, wie viele neue Geheimnisse er hat, wie viele zusätzliche Papiere den Stempel “geheim” tragen. 46.800 waren es im letzten Jahr (bezogen auf 2014). In den Vorjahren waren es noch viel mehr. Viele sind inzwischen ausgeplaudert.

Wem vertraut man ein Geheimnis an? Man vertraut es eben nur jemandem an, zu dem man Vertrauen hat. Ein Geheimnis ist etwas anderes als ein Rätsel. Ein Rätsel kann man lösen, dann ist es für einen kein Rätsel mehr. Ein Geheimnis kann geheimnisvoll bleiben, auch wenn man es kennt. Auch Gott hat ein Geheimnis. Doch er vertraut es uns an. Dadurch bleibt es dennoch geheimnisvoll und unfassbar. Und doch dürfen wir teilhaben.

Das Wort “Geheimnis” ist in die deutsche Sprache durch die Bibel gekommen, nämlich bei der Bibelübersetzung Martin Luthers. Da schuf er das Wort “Geheimnis” als Übersetzung des Wortes “Mysterium”.

Paulus spricht in seinen Briefen 21mal vom “Geheimnis”. Auch in unserm heutigen Predigttext aus dem Epheserbrief, Kapitel 3:

2 Ihr habt ja gehört von dem Heilsplan der Gnade Gottes, der mir für euch anvertraut wurde:
3 Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich eben aufs kürzeste geschrieben habe.
4 Daran könnt ihr, wenn ihr’s lest, meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen.
5 Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist;
6 nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium.
7 dessen Diener ich geworden bin durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir nach seiner mächtigen Kraft gegeben ist.
8 Mir, dem allergeringsten unter allen Heiligen, ist die Gnade gegeben worden, den Heiden zu verkündigen den unausforschlichen Reichtum Christi
9 und für alle ans Licht zu bringen, wie Gott seinen geheimen Ratschluss ausführt, der von Ewigkeit her verborgen war in ihm, der alles geschaffen hat.

Und? Hand aufs Herz: Ist Ihnen jetzt klar, was dieses großartige Geheimnis ist? Oder ist man nicht erst mal ziemlich erschlagen von diesen vielen hohen Worten? So viele Worte und so lange schwierige Sätze können auch ermüdend wirken. Vielleicht geht es Ihnen jetzt wie unserm kleinen Manuel, der im Silvestergottesdienst mit dabei war und mitten in meiner Predigt zu meiner Frau sagte: “Jetzt muss ich aber schlafen. Ich geh jetzt ins Bett.” Stand auf und ging. Bitte machen Sie es jetzt nicht so.

Ich gestehe, dass ich selber mehrmals den Text lesen musste, bis ich allmählich geahnt habe, was Paulus wohl hier meint. Er drückt sich ja durchaus etwas umständlich aus.

Aber wenn wir ein wenig tiefer graben und auch den Zusammenhang des Epheserbriefs dazu betrachten, dann entdecken wir, um welches große Geheimnis es Paulus geht. Es geht um nichts Geringeres als um den großen Heilsplan Gottes mit seiner Welt. Und dass Gott uns Menschen durch Paulus in dieses Geheimnis einweiht – das finde ich schon sehr spannend. Vielleicht reißt es uns nicht mehr gleich so vom Hocker, weil seit 2000 Jahren davon gesprochen und auch schon hier unzählige Male davon gepredigt wurde. Aber vielleicht entfacht es neues Staunen in uns, wenn wir ganz neu diesem Geheimnis nachsinnen…

Das große Geheimnis des Heilsplans, das Paulus hier benennt, spitzt sich zu auf Vers 6: nämlich dass die Heiden Miterben sind (also auch Kinder Gottes sein dürfen) und mit zu seinem Leib (also zum Leib Christi), gehören.

Nun stellt sich schon die Frage für uns: Hm, ist das alles? Das soll das große Geheimnis sein?! – Wenn darauf der ganze Heilsplan Gottes zielt: Dass er zunächst einzelne Menschen, dann das Volk Israel und schließlich alle Völker ruft und einlädt Kinder Gottes zu sein, dann hat das drei Dimensionen, die so grundsätzlich zum Handeln und zum Wesen Gottes gehören, dass es sich lohnt darüber nachzudenken.

 

1) Das Geheimnis Gottes: Aus Kleinem wird Großes!

2 Ihr habt ja gehört von dem Heilsplan [Luther übersetzt etwas unverständlich: “Amt”, doch hier ist der Heilsplan gemeint] der Gnade Gottes, der mir für euch anvertraut wurde:
3 Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden.

Den Heilsplan der Gnade Gottes hat Paulus in den beiden Kapiteln zuvor schon beschrieben: Dass Gott zunächst ein einziges Volk erwählt hat, das Volk Israel, um dann – als die Zeit erfüllet war – den Rahmen zu sprengen und auch allen nichtjüdischen Völkern das Heil anzubieten.

Haben Sie sich schon mal gefragt, warum eigentlich nicht sofort alle Welt? Warum fängt Gott so klein an? Mit einem einzigen Volk, ja noch einen Schritt vorher: Mit einem einzigen Mann: Abraham. Dann folgt Jakob, der den Namen “Israel” bekommt. Dann die zwölf Söhne und damit die Stämme Israels, das Volk Israel insgesamt. Und schließlich die Heiden – also die übrige Welt. Was ist das für ein Plan? Über Israel lesen wir in 5. Mose 7: “Nicht hat euch der Herr angenommen und erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern! -, sondern weil er euch geliebt hat!” – Merkwürdig: Gott fängt mit dem Kleinsten an, um Großes daraus wachsen zu lassen.

Und wenn wir drüber nachdenken, fällt uns auf: Ja, so macht Gott das ja immer. Weil er ein Gott des Lebens ist. Und weil Leben immer so geht. Der Anfang liegt im Kleinen, im Unscheinbaren!

  • War es nicht in unserem biologischen Leben genauso? Zwei winzige Zellen verschmelzen, so klein, so winzig, so unscheinbar. Und dann geschieht: Leben! Leben heißt Wachstum! Zellen teilen sich. Da wächst der Mensch.
  • War es nicht am Anbeginn der Schöpfung genauso? Das, was Wissenschaftler als “Urknall” bezeichnen? Aus einem einzigen Punkt – die Singularität – heraus schafft Gott das ganze Universum: Materie, Raum und Zeit. Die Bibel geht sogar noch weiter: Nicht nur aus einem Punkt heraus, sondern aus dem Nichts! Noch weniger geht nicht! Aber so wirkt Gott: Da, wo wir nichts sehen können – da fängt er an! Gott ist ein Gott des Lebens, des Wachstums, der Dynamik.
  • Ist es nicht mit dem Reich Gottes genauso? Jesus sagt: Es gleicht einem Senfkorn! Und sagt: “Das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, sodass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.” (Matth. 13,32) Gottes Reich, Gottes Wirken in dieser Welt beginnt unscheinbar und klein und hat ein unglaubliches Potential zu wachsen. Von einem winzigen Punkt unseres Globus aus: Eine kleine Krippe in einem kleinen Stall im kleinen Bethlehem wächst es über Jerusalem, Samaria, durch das ganze römische Reich bis an die Enden der Erde.
  • Und deshalb ist auch mit Gottes Heilsgeschichte so: Mit einem Menschen, mit einem Volk geht es klein und unscheinbar los: Und wir leben in einer Zeit, wo wir erleben dürfen, wie das Evangelium alle Völker bis an die Enden der Erde erreicht! Das versetzt mich in Staunen!

Und was nehme ich persönlich daraus mit? Auch in meinem Leben kann Gott aus Kleinem Großes machen! Auch da, wo der eigene Glaube so klein ist wie ein Senfkorn – da, gerade da wirkt Gott! Aus gerade mal 5 Broten und 2 Fischen werden 5000 satt! Da, wo wir uns vorkommen wie ein Nichts, wo wir zweifeln oder gar verzweifelt sind, wo wir am Boden liegen, klein und hilflos, da schlägt Gottes Stunde! Wie Paulus es selbst erlebt hat: Er – aus christlicher Sicht ein Nichts, ein Versager, ein Verfolger, ein Mörder, er wird zum Apostel der Völker! Wir haben es eben gehört:

8 Mir, dem allergeringsten unter allen Heiligen, ist die Gnade gegeben worden, den Heiden zu verkündigen den.

Der Allergeringste – und Paulus heißt auch noch zu Deutsch: Der Kleine! -, aus ihm macht Gott den Völkerapostel!

Schau dein Leben an mit Gottes Augen! Dann siehst du nicht das, was ist oder vielmehr was nicht ist,- sondern das, was Gott daraus machen kann! Der bekannte China-Missionar Hudson Taylor: “Wir brauchen keinen großen Glauben, sondern den Glauben an einen großen Gott!” Denn, wie es in einem Lied heißt: Das Kleine und Geringe, die unscheinbaren Dinge wählst du dir, Herr, zum Ruhm!

Das ist das Geheimnis Gottes: Aus Kleinem wird Großes!

 

2) Das Geheimnis Christi: Aus der Ferne in die Nähe!

Hören wir noch einmal Vers 6: nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium.

Unser Predigttext ist von der Kirche für den Epiphaniastag ausgewählt, den 6. Januar. Das Epiphaniasfest ist übrigens nach Ostern das zweitälteste Fest der Christenheit. Man feierte es schon lange, bevor man Weihnachten feierte. Epiphanias, zu Deutsch: Erscheinung. Das Licht erscheint in der Nacht! Gottes Licht erscheint in der Nacht der Welt.

Der Stern von Bethlehem erscheint den Weisen aus dem Morgenland. Menschen, die zu den Heiden gehörten. Menschen, die aus der Ferne kommen. Nicht nur geographisch, sondern auch geistlich: Die Heiden waren fern von Gott. Und so war die Sicht im Judentum. Auf dem Tempelplatz gab es eine Schranke mit einem Stoppschild, das man bei Ausgrabungen gefunden hat. Darauf stand: Bei Todesstrafe ist es Heiden, ist es Nichtjuden verboten, näher zu kommen. Und Rabbi Aqiba sagt Anfang des 2. Jahrhunderts in einer Auslegung zum Hohenlied, dass die Heiden die Bitte aussprechen, zusammen mit Israel Gott suchen zu dürfen. Und dann lässt Rabbi Aqiba Israel antworten: “Nein, ihr habt keinen Teil an Gott. Sondern mein Liebster gehört mir allein und ich ihm.” Und Rabbi Schmuel ben Nachman (3. Jh.): “Wenn alle Völker der Welt zusammenkämen und sprächen: Wir wollen alle unsere Habe verkaufen und die Torah und die Gebote halten, so würde Gott antworten: Wenn ihr auch all eure Habe verkauft, um die Torah zu erwerben: Verachtung über euch!”

– So war das Denken damals! Unser Gott gehört nur uns! Und heute machen manche etwas ähnlich Liebloses, wenn sie sagen: “Mission – nein, das brauchen wir nicht! Wir haben unsern Glauben, sollen die andern doch ihren eigenen Glauben haben.” Dabei ist jeder eingeladen, das Evangelium zu hören. So ist das Geheimnis Christi: Die, die fern sind, die dürfen nahe kommen. Paulus sagt ein paar Verse zuvor: Jetzt aber in Christus Jesus seid ihr, die ihr eins Ferne wart, Nahe geworden durch das Blut Christi. Der Zaun ist abgebrochen! (Eph. 2,13f). Und sie kommen! Die, mit denen keiner gerechnet hat! Pastor Heinrich Kemner sagte oft: Gott ruft die letzte Reihe.

Was nehme ich persönlich mit? Die Hoffnung, dass Jesus die, die noch fern sind, erreichen kann. Menschen, die ich kenne, für die ich bete, aus der Verwandtschaft, aus dem Freundeskreis… Aus der Ferne in die Nähe! Und wo ich mir selber manchmal fern vorkomme: Jesus holt mich wieder in seine Nähe. Er kommt mir selber ganz nah.

Das ist das Geheimnis Christi. Gerade für die Menschen damals kaum zu begreifen. Aber auch wir heute können wieder neu darüber staunen und ihn dafür anbeten.

 

3) Das Geheimnis des Geistes: Verborgenes kommt ans Licht!

5 Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht, wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist;…
9 und für alle ans Licht zu bringen, wie Gott seinen geheimen Ratschluss ausführt, der von Ewigkeit her verborgen war in ihm, der alles geschaffen hat.

Paulus meint: Das Geheimnis des Heilsplans Gottes war den Menschen lange verborgen. Wo lag es denn verborgen? In der Heiligen Schrift! Es war schon da. In den Schriften des Alten Testaments. Aber die Menschen konnten noch nicht alles erkennen und verstehen. Sicher, da waren die Propheten, die weissagten, dass ein Messias kommen werde, ein Retter. Und hier und da leuchtet auch schon auf, dass Gottes Heil der ganzen Welt gilt. Aber wie Gottes Heilsplan dann wirklich war: Dass Gott selber Mensch wird in seinem Sohn Jesus Christus, dass Gottes Sohn vom Himmel auf die Erde kommt, vom Himmel in die Krippe, vom Himmel in unser Herz… All das konnte keiner ahnen. Das war den Menschen verborgen.

Doch durch den Heiligen Geist wurde es vor allem dem Paulus und nach ihm vielen Menschen offenbart. Aus der Schrift heraus. Auch so ein Geheimnis. Das Geheimnis der Bibel und des Heiligen Geistes. Dass uns Gottes Geist die Bibel aufschließt. Allerdings: Uns ist auch noch viel in der Bibel verborgen. Auch mir ist vieles nicht klar. Ich verstehe so manche Stelle in der Bibel nicht. Gott bleibt da manches Mal verborgen. Und ich glaube, hier auf der Erde wird das auch immer so sein. Erst in der Ewigkeit wird all das, was wir jetzt noch nicht verstehen – auch so manche Wege Gottes in unserem Leben-, all das, was jetzt noch verborgen ist, offenbar werden.

Aber schon jetzt redet Gottes Geist zu uns durch sein Wort. Und es gibt genug zu entdecken.

Der berühmte Schriftsteller Mark Twain, der von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, der war auch ein eifriger Bibelleser. Er wurde mal gefragt: “Sagen Sie, was machen Sie denn mit den vielen dunklen Stellen der Bibel?” – Er antwortete: “Mir persönlich machen nicht die unverständlichen Bibelstellen Bauchschmerzen, sondern die, die ich verstehe.” Da gibt es genug zu tun. Das Geheimnis des Geistes ist es, Verborgenes ans Licht zu bringen. Vor allem in der Bibel. Aber auch in unserem Leben.

So ist das nun also mit dem großen Geheimnis:

Das große Geheimnis ist Gottes Heilsplan mit der Welt. Dass er mit Kleinem, ja mit Nichts anfängt, um Großes daraus zu machen, dass er durch Jesus diejenigen ganz in seine Nähe ruft, die weit weg waren, aus der Ferne in die Nähe, und dass er zu uns spricht durch sein Wort und seinen Geist.

Ich sagte bereits, das Wort “Geheimnis” hat Martin Luther ins Deutsche eingebracht. Dabei hatte er “Geheim” abgeleitet von “zum Haus/Heim gehörig, vertraut”.

Wenn Gott uns sein Geheimnis anvertraut, heißt das also auch: Wir gehören zum Haus Gottes, wir dürfen bei ihm zu Hause sein, bei ihm daheim. Ganz gleich, ob Juden oder Heiden. Ganz gleich, ob fern oder nah. Dann kommt kein Stempel mehr drauf – wie bei Obama – mit “Geheim!”, sondern mit “Daheim!” Das ist doch ein wunderbarer Ausblick auf das neue Jahr.

Amen.