Da kannst du lange warten!

Gottesdienst am Sonntag, 18.12.2016 (4. Advent)

Thema: Da kannst du lange warten!

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Text: Lukas 1,67-79

 

Liebe Gemeinde,

 

ein Pastor predigt lange. Sehr lange. Alle warten und warten, dass er mal zum Ende kommt. Plötzlich steht einer der Zuhörer auf und geht – noch während der Predigt. Der Pastor ruft ihm hinterher: „Wo gehen Sie denn hin?” „Zum Friseur”, antwortet der Gefragte. „Aber – warum sind sie denn nicht vorher hingegangen?“, fragt der Pastor. „Da war’s noch nicht nötig.”

Warten, warten, warten…  Gerade die Adventszeit ist eine Zeit des Wartens. Die Kinder warten darauf, dass endlich Weihnachten ist, endlich Bescherung, endlich Geschenke! Und manch ein Erwachsener wartet die ganze Adventszeit, dass sich endlich dieses heimelige, besinnliche, festliche Gefühl einstellt und der ganze Stress und die Hektik abfällt und man zur Ruhe kommt.

Advent bedeutet warten.

“Da kannst du lange warten!” – so heißt ja heute unser Thema. Und es ist auch ganz wörtlich gemeint. Denn dieses Jahr ist gerade einmal die längst mögliche Adventszeit, die es überhaupt gibt. 28 Tage lang! Weil der 1. Advent am frühestmöglichen Termin lag. Also, dieses Jahr heißt es wahrlich: Da kannst du lange warten!

Aber ich glaube, das ist eine Grunderfahrung des Lebens und auch des Glaubens. Wie lange müssen wir manchmal warten! Wenn wir beten, und nichts passiert! Warten auf Gott, warten auch auf Jesus. Und damit sind wir nicht allein. Den Menschen der Bibel ging es nicht anders.

Als Predigttext haben wir vorhin den Lobgesang des Zacharias gehört. Ein Jubel, ein Lobpreis, ein Glaubenshymnus – doch was ging dem voraus? Warten, warten, warten…

 

1) Da kannst du lange warten

Diese Redensart benutzen wir eigentlich, wenn es vergebliches Warten ist. Da kannst du lange warten, es passiert ohnehin nicht! Und genauso ist es Zacharias und Elisabeth gegangen. Wir lesen über die beiden:

5 Zu der Zeit des Herodes, des Königs von Judäa, lebte ein Priester (…) mit Namen Zacharias, und seine Frau (…) hieß Elisabeth.
6 Sie waren aber alle beide gerecht und fromm vor Gott und lebten in allen Geboten und Satzungen des Herrn untadelig.
7 Und sie hatten kein Kind; denn Elisabeth war unfruchtbar, und beide waren hochbetagt.

Jahre lang, nein, Jahrzehnte lang haben die beiden gewartet. Und gebetet. Wie sehr haben sie sich ein Kind gewünscht! Und ihr Wunsch ging nicht in Erfüllung. Gewartet, gewartet. Ungewollt kinderlos. Es sind fromme, gläubige Leute. Und wir sehen: Der Glaube ist keine Garantie dafür, dass alles glatt geht im Leben. Ich kenne selber mehrere Christen, deren großer Wunsch nach Kindern unerfüllt geblieben ist. Und ich weiß um das lange Warten, das Beten, das Ringen, das Trauern…  Bei Zacharias und Elisabeth ist das Gebet am Ende doch noch erhört worden. Während des Tempeldienstes begegnet dem Zacharias der Engel Gabriel. Zacharias erschrickt. 

13 Aber der Engel sprach zu ihm: Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört, und deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Johannes geben.

Johannes der Täufer ist das. Ihr Gebet ist erhört worden, als sie selbst es schon nicht mehr geglaubt haben. Bei vielen andern ist es nicht erhört worden. Ich denke an ein Ehepaar, das lange auf Kinder gewartet hat, und schließlich haben sie sich um eine Adoption bemüht. Das ist in Deutschland schwierig. Aber nach vielen Gebeten wurde es ihnen geschenkt: Sie bekamen einen kleinen Säugling. Wie war die Freude groß!  Doch nach 8 Wochen, kurz vor Ende der Frist, kam völlig überraschend die leibliche Mutter und verlangte ihr Kind zurück. Das Warten hatte sich doch nicht gelohnt! Wie viel Trauer, Frust und Enttäuschung! Doch die beiden sind daran nicht zerbrochen. Und auch nicht ihr Glaube. Für mich ist es ein großes Wunder, wie viel Lebensfreude sie inzwischen wieder ausstrahlen. Und wie sie unglaublich liebevoll und fröhlich mit anderen Kindern spielen können. Sicher tut es noch manchmal weh. Aber sie haben erkannt: Gott hat einen anderen Weg für uns.

Da kannst du lange warten… Manch einer wartet lange auf einen Job. Monate, Jahre. Immer und immer wieder Bewerbungen schreiben. Kein Erfolg.

Bei mir war es ein anderes Thema: Ich habe lange auf meine Frau gewartet. Und so doll darum gebetet. Damals, als Student. Alle meine Freunde hatten schon eine Freundin oder waren bereits verheiratet, manche hatten schon Kinder. Und ich war als einziger Single. Und ehrlich: Manchmal hab ich auch geheult. Und hab Gott gefragt: Wie lange denn noch? Und manchmal hab ich gedacht: Eine Freundin? Da kannst du lange warten! Es war lange. Und als dann Christiane meinen Weg kreuzte, war ich noch zu blöd, das gleich zu kapieren, dass sie genau die ist, auf die ich wartete.

Warten kann zermürbend sein, wenn man nicht weiß, wie es ausgeht. Ich vermute: Die meisten hier heute Morgen haben etwas, worauf sie warten. Eine Sehnsucht, einen Wunsch. Rainer Maria Rilke bringt es in einem Gedicht auf den Punkt:

„Und du wartest, erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.”

Doch: Wie können wir denn warten, wenn wir den Ausgang nicht kennen? Von Zacharias können wir lernen: Betend warten! Und sich nicht vom Warten und von Enttäuschungen lähmen lassen. Zacharias ging weiter seinem Dienst als Priester nach, auch wenn er Gott nicht verstand, hielt er am Glauben fest. Er arbeitete weiter für Gott im Tempel. Er ließ sich nicht entmutigen, er resignierte nicht. Vielleicht liegt das Geheimnis darin, dass er auf etwas noch viel Größeres wartete als auf ein eigenes Kind: Nämlich auf Gottes Ankunft in dieser Welt. Er lebte nicht nur im Warten, sondern im Erwarten. Er erwartete Gott. Und seinen Messias. Das gilt auch für uns. Lass dich nicht entmutigen. Gerade die Adventszeit jetzt zeigt uns: Es gibt etwas Größeres. Es geht nicht nur ums Warten, sondern darum, IHN zu erwarten.

 

2) Da kannst du IHN erwarten

Zacharias kannte die alten Prophezeiungen und Weissagungen aus dem Alten Testament. In seinem Lobgesang nimmt er darauf Bezug:

 68 Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk
69 und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils im Hause seines Dieners David –
70 wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten –,

“wie er vorzeiten geredet hat.” Das waren die Weissagungen der Propheten auf den Messias hin, auf Christus hin. Darauf hat das ganze Volk Israel gewartet. Aber nicht nur ein paar Jahre, sondern eine elend lange Zeit. Ob es überhaupt noch in Erfüllung gehen würde?  Maleachi, der letzte der alttestamentlichen Propheten, lebte vermutlich zu Beginn des 5. Jahrhunderts vor Christus. Und dann war fast 500 Jahre Schweigen. “Stumme Zeit” wird die Zeit zwischen dem Alten und Neuen Testament auch genannt. Weil Gott nicht mehr so wie in der alten Zeit zum Volk Israel redete. Und so warteten die Menschen und warteten und warteten.

Nachdem Jesus geboren ist, begegnet uns im Lukasevangelium ein Mann in Jerusalem mit Namen Simeon. Und von dem heißt es: “Er war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels.” Dieses Warten war eine Erwartung! Was ist der Unterschied? Wenn ich warte, weiß ich noch nicht, wie es ausgeht. Aber wenn ich jemanden erwarte, dann rechne ich fest mit seinem Kommen. Und so hat Simeon, so hat Zacharias, so hat Israel seinen Messias, seinen Retter erwartet! Sie wussten: Er kommt. Sie wussten nicht, wann. Sie wussten nicht, wie. Aber sie wussten: Er kommt. Und so konnte Zacharias bereits jubeln und singen und Gott lobpreisen, noch bevor er selber Jesus gesehen hat:

68 Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk.

Gott hat uns besucht und erlöst! Das ist ja mit Jesus passiert! Das ist die Botschaft von Advent, “Ankunft”: Wir feiern die Ankunft Gottes in dieser Welt – in Jesus Christus. Wir feiern den Gekommenen und erwarten ihn zugleich als Wiederkommenden. Und wir sind gewiss, dass er kommt. Auch wenn wir nicht wissen, wann.

Es gibt ein berühmtes Theaterstück von dem irischen Literaturnobelpreisträger Samuel Beckett: “Warten auf Godot”. Zwei Landstreicher sitzen an einer Straße und verbringen ihre Zeit damit, „nichts zu tun“ und auf eine Person namens Godot zu warten, die sie nicht kennen, von der sie nichts Genaues wissen, nicht einmal, ob es sie überhaupt gibt. Das Warten auf Godot ist anscheinend vergeblich, und tatsächlich erscheint er nie.

Es ist symbolisch für unsere Zeit, wo den Menschen der Glaube abhandengekommen ist. Sie warten und warten und wissen nicht, auf wen und auf was. Auch wenn Beckett sich niemals geäußert hat, wen er mit “Godot” gemeint hat, so ist es doch auffällig, dass in dem Namen das englische Wort “God” steckt: Gott. Letztlich wartet die Menschheit auf Gott. Aber sie glaubt gar nicht mehr, dass es ihn gibt.

Wie anders Zacharias! Da ist eine lebendige Erwartung. Und ohne dass er Jesus gesehen hat, in tiefem Glauben erkennt und glaubt er durch den Heiligen Geist: Gott hat uns nicht vergessen! Nein, endlich, endlich hat er besucht und erlöst sein Volk! Dazu ist Jesus gekommen. Und er kommt nicht nur einst wieder, sondern er kommt immer wieder zu uns, in unser Leben, in unsere Fragen, in unser Warten hinein.

 

3) So kannst du lange warten

Aus dem resignierten: “Da kannst du lange warten!” wird nun ein ermutigendes: “So kannst du lange warten”. So bekommst du Kraft für alles Warten. Wie wir vorhin gesungen haben: “Es liegt Kraft in dem Warten auf den Herrn.” So kannst du lange warten: nämlich indem du auf Jesus schaust.

Zacharias bringt in seinem Lobgesang nochmal zum Ausdruck, worauf es letztlich ankommt, wenn Gott uns besucht: Er nennt V.77: die Vergebung der Sünden,

78 durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes,durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe,
79 auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Also diese Punkte helfen uns bei unserm persönlichen Warten und in der Erwartung unseres Herrn Jesus:

  • “Vergebung der Sünden”. Dass wir wirklich unsere Schuld vor Gott bringen und aufräumen im Leben. Damit in unserm Herz überhaupt Platz wird und Jesus einziehen kann.
  • Die “herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes” Dass wir uns nicht immer um unsere Leistungen oder unser Versagen drehen, sondern darauf vertrauen: Gott ist barmherzig, er hat uns lieb.
  • Auf “das Licht aus der Höhe” Das Licht Jesu, der besonders denen leuchtet, die sitzen in Finsternis von Verzweiflung, Trauer, Krankheit, Sehnsucht, Einsamkeit, und im Schatten des Todes.
  • Den “Weg des Friedens” Wer Jesus erwartet, wird nicht die Hände in den Schoß legen, sondern losgehen und in der Wartezeit tun, was dem Frieden dient und mitwirken, dass das Reich Gottes gebaut wird. Und die Welt sehnt sich so nach dem Frieden! Nicht nur in Aleppo. Was können wir dazu beitragen? Wer die Wartezeit so aktiv nutzt, der lebt aus der Vorfreude, der hat was zu tun, dem ist die Wartezeit gar nicht mehr so lang. Im Gegenteil: Da vergeht sie manchmal viel zu schnell. Wie selbst die extra lange Adventszeit dieses Jahr auch so schnell vergeht.

So kannst du lange warten. So kannst du IHN erwarten.

Amen.

 

 

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