ÜberLeben III – Ausweglos?

Gottesdienst am Sonntag, 28.02.2016

Thema: ÜberLeben III – Ausweglos?

Text: 2. Mose 14,9-16

Predigt: Pastor Gero Cochlovius

Liebe Gemeinde,

das Leben als eine Reise mit dem Auto. In den vergangenen beiden Wochen haben wir darüber nachgedacht, was unsere Kraftquellen sind, also: wo wir auftanken können. Und: Was ist eigentlich unser Sprit, unser Treibstoff? Doch auch mit ausreichend Sprit im Tank erlebt man mit dem Auto Situationen, wo es einfach nicht mehr weitergeht. Wo wir uns verfahren haben. Sackgassen. Irrwege. Meine Frau erlebte so eine nicht gerade angenehme Situation bei einer Gelegenheit, die ohnehin ziemlich ungemütlich war: in ihrer Fahrprüfung. Damals in Marienberg in der ehemaligen DDR. Der Prüfer führte sie zunächst durch ein schmales Tor in eine Einbahnstraße hinein. Es ging ein wenig bergab. Dann eine Kurve. Und dann plötzlich endet die Einbahnstraße bei einen nächsten Schild: Durchfahrt verboten! Und nun? Kurios: Vorwärts ging es nicht – zurück ging es nicht. Christiane war schlichtweg ratlos. Der Prüfer allerdings auch. Damit hätte auch er nicht gerechnet! Ob da jemand kurz nach der Wende die falschen Schilder montiert hatte? Oder ein alter Stasi-Halunke meiner Christiane den Führerschein vermasseln wollte? Hm. Sie fragte dann einfach den Prüfer: “Und? Was soll ich jetzt machen?” Man einigte sich schließlich: rückwärts die Einbahnstraße wieder zurück den Berg hoch, mit Glück rückwärts das schmale Tor erwischen und in eine andere Richtung. Damals ging die Sache gut aus: Sie hat bestanden.

Kennen wir nicht im Leben auch solche Situationen, die ausweglos erscheinen? Es geht nicht mehr weiter. Es gibt kein Vorwärts. Doch es gibt auch kein Zurück. Und nun? Ratlosigkeit. Und wir fühlen uns allein mit der Frage: “Und? Was soll ich jetzt machen?” Ausweglos.

Diejenigen, die beim 40-Tage-Projekt teilnehmen, werden in der kommenden Woche lesen, wie das Volk Israel in einer ausweglosen Situation war. Vor ihnen das Meer. Hinter ihnen die Streitwagen der Ägypter. Und Mose verzweifelt: “Und? Was soll ich jetzt machen?”

Hören wir nun auf Gottes Wort für heute aus 2. Mose 14.

9 Und die Ägypter jagten ihnen nach mit Rossen, Wagen und ihren Männern und mit dem ganzen Heer des Pharao und holten sie ein, als sie sich gelagert hatten am Meer bei Pi-Hahirot vor Baal-Zefon.
10 Und als der Pharao nahe herankam, hoben die Israeliten ihre Augen auf, und siehe, die Ägypter zogen hinter ihnen her. Und sie fürchteten sich sehr und schrien zu dem HERRN
11 und sprachen zu Mose: Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast?
12 Haben wir’s dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen? Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben.
13 Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen.
14 Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.

Bis hierhin erst mal. Für das Volk eine wirklich ausweglose Lage! Wie kann Mose nur so zuversichtlich wirken? So stark, so mutig, so fest im Glauben – nach außen. Allerdings: in ihm drin sah es ganz anders aus. Das können wir schon im nächsten Vers erfahren:

15 Und der HERR sprach zu Mose: Was schreist du zu mir?

Auch Mose war also verzweifelt und schrie innerlich zu Gott. Aber als Führer des Volkes musste er nach außen Stärke zeigen. Doch in ihm: Ausweglosigkeit! Das ist ja noch schlimmer: Wenn du dich innerlich schwach und hilflos fühlst und nach außen doch stark wirken musst – für andere, für deine Kinder, deine Angehörigen, deine Kunden, deinen Chef, den Kranken in deiner Familie… Dir selber geht es elend – und dabei noch lächeln: “Es wird alles gut.” Und im Innern ein Schrei zum Himmel: “Und? Was soll ich jetzt machen?”

Ausweglos. Kein Ahnung, welche Situationen dir gerade in den Sinn kommen. Aber ich vermute, die meisten von uns kennen so etwas. Und manche von uns stecken vielleicht gerade drin.

Ich möchte dieses Wort “ausweglos” jetzt einfach mal auseinander nehmen. In drei Teile teilen.

 

1) Aus.

Aus und vorbei. So mussten die Israeliten gedacht haben. Aber nicht erst jetzt, sondern schon oftmals zuvor. Wenn wir die Kapitel davor lesen, so oft denkt man: Es ist aus! Diese unglaubliche Unterdrückung durch die Ägypter, die Sklaverei, das Elend, das Leid! Hast du auch schon mal gedacht: Jetzt ist es aus! Aus und vorbei. Keiner sieht mich. Keiner hilft mir! So hat das Volk Israel so manches Mal gedacht. Aber als Mose diese Gottesbegegnung am brennenden Dornbusch hatte, da sagte Gott: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. (2. Mose 3,7). Ich finde: Da ist doch schon mal ein Trost: Gott hat mein Elend gesehen! Er weiß, wie es mir geht. – Doch das bedeutet noch nicht gleich die Wende. Im Gegenteil: Die Lage der Israeliten verschlechtert sich weiter. Man denkt: Schlimmer kann es ja nicht mehr kommen. Und es kam schlimmer.

Marc Chagall malte 14 lange Jahre an einem gewaltigen Gemälde. Er nannte es Exodus. Auszug. Aber da ist noch nicht der helle Jubel zu sehen, sondern die dunkle Zeit, die vorausging – die bleibt im Blick.

[Musik]

Und wenn wir genau hinschauen, dann sehen wir das Leiden des jüdischen Volkes durch die Jahrhunderte hindurch, aber auch das Leid der ganzen Menschheit.

Die vielen Menschenmassen! Unzählige Einzelschicksale durch die Jahrhunderte hindurch. Da oben ist eine Standuhr, die völlig schief in der Luft hängt: Die Zeit ist aus dem Lot gekommen. Nur wenig Lichtblicke auf dem Bild. Da unten rechts: Mose ist das mit den Gesetzestafeln. Das Wort Gottes zieht offensichtlich mit – auch wenn Gott selbst sich hinter schwarzen Wolken verborgen hält. Da links brennt ein Haus – erinnert es uns an brennende Flüchtlingsunterkünfte ein unseren Tagen? Doch wenn man genauer hinschaut, entdeckt man manche Merkwürdigkeiten: Da! Eine Frau, ganz in Blau gekleidet. Ein Kind auf dem Arm, das sie gleich stillt. In der Farbsymbolik von Chagall bedeutet Blau meist einen Hinweis auf den Himmel, auf das, was hinter dem manchmal schwarzen Vorhang unserer sichtbaren Welt liegt. Und diese Frau steht offensichtlich für den Glauben, der mitten im Leid noch Hoffnung hat und sich deswegen nicht scheut, neues Leben zu gebären. Ein Kind! Ein Zeichen des Lebens. Und so kann die Frau lächeln. Mitten im Leid. Sie weiß: Das Sichtbare ist nicht alles. Gott ist da. Auch wenn wir ihn oft so gar nicht verstehen können. Wir können sein Handeln nicht begreifen. Auch in den 10 Plagen. Warum müssen die Erstgeborenen der Ägypter sterben, darunter viele Kinder? Warum müssen auch heute noch, an jedem einzelnen Tag, unzählige Kinder sterben – an Hunger, im Krieg, durch Krankheit…? Fragen ohne Antwort. Und dennoch: Wohl dem, der da noch einen Halt hat! Wer sich an Gott klammern kann, auch wenn er ihn nicht versteht. Auch mitten in der Sklaverei.

Was nimmt dich gefangen? Was macht dich kaputt? Wo denkst du: Es ist aus!

Doch was ist das? Dort im Zentrum des Bildes? Wenn wir bedenken, dass Chagall Jude war – umso überraschender: Ein Kreuz! Das Kreuz! In goldgelben Farben ist es gemalt. Goldgelb ist die Farbe Gottes. Die Farbe der Ewigkeit. Dieser Mann am Kreuz kommt von Gott. Und er ist mitten im Leid, er teilt das Leid seines Volkes, aber auch unser persönliches Leid. Er ist mittendrin im Leid und weist doch darüber hinaus. Die Bibel verheißt uns nicht: Für den, der glaubt, gibt es kein Leid. Aber: Wer glaubt, ist im Leid nicht allein.

Manche haben sich vielleicht in den letzten 2 Wochen gefragt: Wieso kommt der in den Predigten von Mose immer auf Jesus? Nun: ganz einfach: Weil es letztlich nicht um Mose, sondern um Jesus geht! Und wenn das Marc Chagall als Jude sogar erkennt – um wie viel mehr sollten wir das entdecken! Was rettet die Israeliten in jener schrecklichen Nacht des Gerichts? Es ist das Blut des Lammes, des Passahlammes an den Türpfosten. So wie uns das Blut Jesu am Kreuz rettet vor dem Gericht – Jesus, der im Neuen Testament als “Passahlamm” beschrieben wird. “Du allein rettest mich!” – haben wir vorhin gesungen. Und so wird aus dem “Aus” zunächst der Auszug. Bis hin zum Meer. Und dann? Wieder ausweglos! Das ist doch schon seltsam: Auch nach der Befreiung – man könnte das übertragen: Auch nachdem man zum Glauben an Jesus Christus gefunden hat – läuft nicht alles glatt! Gibt es doch wieder ausweglose Situationen. Zumindest kommt es uns so vor. Doch das zweite Wort, was in dem Wort “ausweglos” drin steckt, nach “aus” heißt: “Weg”.

 

2) Weg.

Wir lesen, wie die Geschichte weitergeht:

15 Und der HERR sprach zu Mose: Was schreist du zu mir?
Sage den Israeliten, dass sie weiterziehen.
16 Du aber hebe deinen Stab auf und recke deine Hand über das Meer und teile es mitten durch, sodass die Israeliten auf dem Trockenen mitten durch das Meer gehen.

Gott bahnt einen Weg. “Gott zeigt mir den Weg, wenn ich keinen Ausweg seh…” – haben wir vorhin gesungen.

Auch hierzu ein Gemälde von Marc Chagall.

[Musik]

Doch wie ist das mit diesem Weg Gottes? Es ist zunächst einmal Gottes Art, dass er völlig unkalkulierbar eingreift. Damals mithilfe eines Naturwunders, das wir bis heute noch nicht ganz erklären können. Wir lesen weiter:

21 Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken und die Wasser teilten sich.
22 Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.

Offensichtlich hat dieser starke Orkan zu einem Zurückweichen des Wassers nach Norden und nach Süden gesorgt, so dass eine Landbrücke freigelegt wurde. Die “Mauern” rechts und links – da müssen wir uns von den Bildern aus den Kinderbibeln und alten Hollywood-Schinken lösen: “Mauer” kann im Hebräischen einfach ein bildhafter Ausdruck für “Barriere”, für “Schutzwehr” sein. Die Wasser links und rechts schützten das Volk vor einem Flankenangriff der Ägypter. Gott fand einen Weg, der vorher nicht erkennbar war. Ich finde das tröstlich: Es kommt in ausweglosen Lagen nicht immer auf unsere menschliche Genialität an, auf unsern Einfallsreichtum, auf unsere Strategie, so schön diese Eigenschaften sind, aber es kommt vor allem auf das Vertrauen an. Der Schlüsselsatz ist das, was Mose sagt: “Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein!”

Wenn es dir ausweglos vorkommt: Werde erst einmal still. Tief im Innern. Suche die Stille, das Gebet. Gott zeigt dir den Weg.

Allerdings: Der Weg des Glaubens ist kein Spaziergang. Wir sehen es auf dem Bild: Das Volk Israel musste mitten durch die Fluten des Schilfmeers wandern und dann 40 Jahre durch die Wüste. Und der Himmel ist schwarz. Es wäre eine falsche Verkündigung zu sagen: Komm zu Jesus, und dann ist alles ganz easy, dann gibt es keine Probleme mehr, keine Not. Das ist schlichtweg falsch! Die Bibel verspricht uns zwar das Ende aller Not, aber erst im verheißnen Land, dem Himmel. Der Weg dorthin aber ist kein leichter Weg. Leid und Krankheit bleiben uns nicht erspart. Doch du gehst nicht mehr allein! Das ist der große Unterschied. Gott geht mit. Wie er das Volk Israel die ganze Zeit treu begleitet und geleitet hat. Hier der weiße Engel am schwarzen Himmel.

Und dann ist etwas ganz Erstaunliches in dem Bild von Chagall:

Im Bildvordergrund sehen wir das heranstürmende Heer der Ägypter. Die Schilde, die Speere, die Pferde… Sie stehen für die schmerzvolle Vergangenheit Israels. Sie gehen unter, versinken in den Fluten, die über ihnen zusammenschlagen. Wie kommt aber nun Chagall dazu, sie in das warme Licht Gottes zu tauchen? Gelb steht bei Chagall für Gott. Nun, ich denke, er will damit ausdrücken: Die schlimme Vergangenheit der Israeliten und unsere Vergangenheit – sie braucht uns nicht mehr zu ängstigen, im Lichte Gottes kann und werden die Wunden heilen, wenn auch ganz langsam, wenn auch mit bleibenden Narben. Gott schaut dich an mit deiner ganzen Vergangenheit und sagt zu dir: Du, ich hab dich so lieb. Deine Vergangenheit wird in das heilende Licht Gottes getaucht. Und noch eins: Sehen Sie die offene Tora-Rolle da rechts im Bild? Das ist die Bibel! Sie zeigt uns den Weg des Glaubens.

Zwei kleine Wörtlein haben wir aus dem Wort “ausweglos” herausgeholt. Aus. Weg. Bleibt das dritte. Das ist eigentlich nur eine kurze Ermutigung:

 

3) Los!

Nun geht los! Macht euch auf! Das Spannende ist die Reihenfolge in dem, was Gott dem Mose sagt: Er sagt erst: “Sage den Israeliten, dass sie weiterziehen!” – Hä? Moment mal? Aber was, wie, wohin…? Das geht doch gar nicht… Der Weg war noch gar nicht sichtbar! Doch im Moment des Aufbruchs sollte das Wunder beginnen. “Du aber hebe den Stab auf und recke deine Hand über das Meer.”

Das möchte ich lernen. Gott schon dann zu vertrauen, dass er helfen wird, wenn ich noch gar nicht weiß, wie er helfen wird. Los! Losgehen. So wie Abraham, der zog los, ohne zu wissen wohin. Im Vertrauen, dass Gott ein gutes Ziel für ihn hat.

Das Volk Israel ist unterwegs ins gelobte Land Kanaan. Sehen Sie ganz am Horizont den orangenen Schimmer? Das ist bei Chagall kein Feuer, sondern hier mischt sich das Gelb göttlicher Ewigkeit mit dem Rot der unendlichen Liebe Gottes. Wohin sind wir unterwegs? Auch in ein verheißenes Land, den Himmel. Und er wird uns wunderbar in der Bibel beschrieben. Offenbarung 21: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das erste ist vergangen.“

Ja, das ist doch letztlich das Ziel unseres Lebens: die ewige Gemeinschaft mit Gott. Was für ein wunderbares Ziel!

Und dieser Ausblick gibt uns Kraft und Mut auch jetzt, auch in ausweglosen Situationen.

“Aus.” – Nein, das muss nicht sein. Es muss nicht alles aus sein.

“Weg” – Ja, Gott weiß auch da einen Weg, wo wir keinen erkennen können. Jesus geht diesen Weg mit. Er hat sogar gesagt: Ich bin der Weg.

“Los” – So wollen wir vertrauen und losgehen.

Amen.